Angenommen, einer schreibt ein Buch über alles. Über alles, was wichtig ist: die Liebe, die Städte, den Mythos, die Atombombe, die Konzentrationslager, die Menschen und die Welt. Er erfindet eine Handvoll Figuren, denen er antike Namen gibt, Prometheus, Io, Zeus, Herakles, Pandora, und ein paar Schauplätze, auf denen er sich auskennt, New York, London, Rom, Wien; und dazu eine Handlung, eine Geschichte oder auch zwei über Ehekrisen, Eifersucht, Einsamkeit, Reisen von hier nach dort –

Und dann kommt die Angst. Die Angst, alles falsch zu machen, den alten Klischees zu verfallen, den alten Geschichten mit Monolog, Dialog, Beschreibung, mit Anfang und Ende. Denn das alles stimmt ja nicht mehr, geht ja nicht mehr seit Adorno, seit Bloch, seit der Kernspaltung, der Zwölftontechnik, seit Auschwitz, seit Joyce und Beckett, spätestens seit Handke und Strauß. Geht nicht mehr und stimmt nicht mehr auf dem Bildschirm des Personalcomputers, vor dem der Schreibende sitzt, vereinsamt und verkabelt, um ein Buch zu schreiben über alles, was wichtig ist, den Mythos, die Menschen und die Welt.

Da erfindet er den Schreiber. "Der Schreiber tippt Buchstaben ins Firmament, die leuchten so grell, daß ich beinah erblinde." Der Schreiber ist nicht "ich" und doch kein anderer als der Autor selbst. "Der Schreiber wippt den Oberkörper vor und zurück, seine Lider zittern, die Lippen hat er fest aufeinandergepreßt, manchmal verziehen sie sich zu einem Lächeln, eine Sekunde lang oder zwei." Nie länger, denn der Schreiber leidet: an sich selbst, an seinem Schreiben, an der Welt. Er möchte so gerne, was er nicht darf: "Träumen, anstatt diese Zeilen abzulesen vom Bildschirm in meinem Kopf...".

Denn ach!, das sind doch alles nur Worte, blinde und vergebliche, "automatisches Zeug", von Skrupeln zerfressen, vom Computer zerhackt. "Die Sätze werden klebrig im Kopf, verbinden sich zu einer amorphen Masse." Aber immerhin bekommt so die Angst eine Sprache – die Angst, einen Roman zu schreiben, einen Roman über alles. Wie soll es jetzt weitergehen? "Läutet das Telephon? Gleitet der Schreiber zu Boden, landet er im Meer? Aber nein, das wäre zu schön."

Angenommen, so entsteht, zwischen Panik und Ekstase, zwischen Überdruß und Schreibzwang, ein Buch, 111 Seiten lang – ist es dann vielleicht der "Roman dieses Herbstes", auf den die Rezensenten, die Verlagsbuchhalter und die Fernsehgespenster warten? Aber nein, das wäre zu schön. Und so war es auch nicht gemeint. Das Buch über alles nimmt im letzten Satz alles zurück: "Es war. Wohl nicht. So gemeint." Wie denn sonst?

Wolfgang Wenger, geboren 1962 in Braunau am Inn, hat nicht auf Anhieb den Olymp erstürmt. Er ist einen geraden und typischen Weg gegangen: vom ersten Förderpreis (bei den Rauriser Literaturtagen) zur ersten Buchveröffentlichung ("weit weg in den filmen", 1990), von der kürzesten zur kurzen ("die gleichgültigkeit der wüstenbewohner", 1991) und endlich zur langen Prosa: "Die Manhattan Maschine". Unterwegs hat er die Kleinschreibung aufgegeben, aber nicht sein großes Thema: "gibt es ein Lied gegen den tod?". Schon die "gleichgültigkeit der wüstenbewohner" handelte von der Apokalypse, vom nuklearen Fallout und vom Holocaust und von der Unmöglichkeit, darüber Geschichten zu erfinden. Wenger erfand sie trotzdem. So kam er zum Roman.