Wer heute in eine Ausstellung geht, kommt schwer befrachtet wieder heraus. Mit mehrbändigen Katalogen werden die historischen und thematischen Ausstellungen begleitet. Auch die Klassiker der Kunst brauchen – von Goya bis Picasso – natürlich ebenso pro Veranstaltung, einen ansehnlich voluminösen Begleitband zur Seite. Und selbst die Kleinmeister unter den Zeitgenossen schaffen es, sich mit aufgeblasenen Publikationen das Überleben in der Bibliothek zu erschwindeln. Mit anderen Worten: Es wird viel zuviel publiziert im Namen der Kunst. Und vor allem, viel zuviel gestelzter Unsinn. Den schlucken Menschen dann so runter, die als Kinder und Jugendliche weder etwas über Ästhetik noch über Sprache gelernt haben. Und spazieren mit rosengemusterten Leggings und türkislilagelben Freizeitanzügen durch die Welt.

Was kann man gegen diese Verwahrlosung tun? Zum einen: Kinder so früh wie möglich Lust machen, in die Ausstellung, ins Museum zu gehen. Das ist noch vergleichsweise leicht, denn auch das Museum ist inzwischen ein Aufenthalt und Tummelplatz für alle. Die Eltern und die Lehrer allerdings, die vor der Kunst oder nach dem Kunstbesuch etwas zu sagen wissen, was über das faktisch Anekdotische hinausgeht, kann man mit der Lupe suchen. Eher beobachtet man schon, wie im Rijksmuseum Amsterdam, Schüler wie auf einer Schnitzeljagd durch die Räume toben und auf Fragebögen ein Kreuz oder drei Wörter eintragen.

An alles das denkt man, wenn man ein Buch sieht, das unter dem Titel "Wir entdecken Kunst – zum Beispiel: Paul Klee" ohne Pomp, aber gründlich und verständlich in die Kunst hineinführt. Endlich! Es geht um Klee, aber nicht nur um ihn. Denn der Lebenslauf von Klee ist auch Anlaß zu Einschüben über das Bauhaus (wo er unterrichtete), über die "Entartete Kunst" (die Nazi-Aktion, der auch seine Bilder zum Opfer fielen), über Afrika (aus Kairouan brachte er wunderbare Aquarelle und Zeichnungen mit), über Ausstellungsvorbereitungen, Kataloge, Konservatoren und Kunstkritiker (hier dürfen wir allerdings anmerken, daß der Satz "Der Kunstkritiker... stellt Verbindungen zwischen den Künstlern, dem Kunsthandel und den Kunstsammlern her" leider nur in Italien direkt gewinnbringend für den letzteren ist). Einzelne Bilder werden genau betrachtet, Eigentümlichkeiten der Kunst von Klee in mehreren Werken verfolgt, Mal- und Zeichentechniken erklärt, der Lebenslauf des Bildes "Die Zwitscher-Maschine" von der Entstehung bis zu seinem heutigen Platz im New Yorker Museum of Modern Art verfolgt. Das alles wird gründlich, manchmal auch ein bißchen betulich erzählt. Und in einem kleinen Anhang werden dem interessierten Betrachter – denn das sollte er schon sein und nicht jünger als zwölf – einzelne Kunstbegriffe lexikalisch erläutert.

"zum Beispiel: Paul Klee": Gewiß, Klee, dessen Popularität auch ohne Erklärungen groß ist und der selber ein enthusiastischer und gründlicher Lehrer war, Paul Klee, der Zwitschermaschinist, ist ein Idealfall für ein solches Unterfangen, ein solches Bilder-Lese-Buch. Nicht alle Künstler kann man so erkenntnisbringend vorstellen. Vielleicht noch Picasso. Aber ungefähr bei Mark Rothko, da kommt dann die Nagelprobe. Wir sind gespannt. Petra Kipphoff

  • Katharina Bütikofer/Stefan Frey/

Katharina Nyffenegger: zum Beispiel: Paul Klee

Verlag Aare, Solothurn 1992; 120 S., 39,80 DM

LUCHS 74 wurde von Ute Blaich, Jo Pestum, Barbara Scharioth und Konrad Heidkamp ausgewählt. Am 9. November, 15.05 Uhr stellt Radio Bremen 2 seinen Hörern das Sachbuch vor. (Redaktion: Marion Gerhard).