Von Wolfram Runkel

Absurdes Theater. Die Stars sitzen in einem schalldichten Glaskäfig auf der Bühne, schweigen sich unerbittlich acht Stunden lang an, während die Zuschauer, etwa 2000, ungeniert raunen, reden, rufen – so Gott will, auch mal lauthals schnarchen, mal aufstehen, hinausgehen, Kaffee trinken, wiederkommen und wieder fasziniert auf die Schweiger im Glashaus starren.

Die sitzen einander gegenüber, ohne eine Miene zu verziehen. Zum Schutz vor dem zudringlichen Blick des anderen tragen sie Blendschirme über den Augen, die ihre Welt auf den Mikrokosmos der 64 Felder und 32 kleinen Holzfiguren begrenzen. Im Durchschnitt alle drei Minuten bewegt einer der beiden stummen Herren eine der Figuren, um zu parieren, zu drohen, Fallen zu stellen.

Das Schauspiel ist ein Schachspiel. Heute spielen die beiden ältlichen Herren gerade die 23. Partie ihres "Revanchekampfes um die Weltmeisterschaft", eines Kampfes, der von der internationalen Schachorganisation, der Fide, nicht anerkannt wird: Dieser Schachkampf ist ein Schaukampf. Der eine der beiden Matadoren, der selbsternannte "Weltmeister", wird in den Fide-Listen gar nicht mehr geführt.

Was tut’s: Es ist der einzigartige Bobby Fischer, das so lange verschollen geglaubte Schachphantom aus Amerika, der Mann, der in den sechziger Jahren die Schachweltmacht Sowjetunion mit all ihren Großmeistern von den Brettern fegte wie eine Naturgewalt. Es ist der Killer-Bobby.

Als auch die süchtigsten Fischer-Fans nicht mehr an die Rückkehr des Verschollenen glaubten, war er plötzlich wieder da. Zwanzig Jahre nach seinem Weltmeisterschaftssieg gegen Boris Spasskij in Reykjavik hat das Phantom tatsächlich seinem Gegner von damals gegenüber wieder Platz genommen, zieht seinen Lieblingszug e2 – e4 und streckt in seinem Spezialschwingstuhl den Körper in die Länge wie einst im Mai.

Das früher sauber rasierte harte Gesicht ist nun von einem gestutzten Vollbart bepflanzt. Der läßt Fischer ein bißchen wie Charles Bukowski, ein bißchen verschroben aussehen. Auch sein Schach, meinen Kritiker in diesen Tagen, sei ein bißchen verschrobener geworden, nicht mehr so entschlossen aggressiv wie früher. Auch erlaube er sich heute manchmal Fehler, die man früher nicht an ihm gekannt habe. Die kiebitzenden Großmeister sagen, er sei in der Eröffnungstheorie, im wissenschaftlichen Teil des Schachs, in den sechziger Jahren stehengeblieben, spiele altmodisch.