Zauberer und Wahrsagerinnen gehören zweifellos zum Dienstleistungsgewerbe. Sie zahlen als Freiberufler ihre Einkommensteuer – dem Finanzamt kann man schließlich nichts vorgaukeln –, und zumindest in Italien ist die Gründung eines Berufsverbandes in greifbare Nähe gerückt. Es geht ja schließlich nicht nur um eine seriöse Ausbildung, vom Zauberlehrling zum standesgemäß niedergelassenen Meister der Magie, sondern auch um den Schutz der Kunden vor falschen Propheten.

In Italien zählt der Magierberuf nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 150 000 Beschäftigte. Diese Zahl ist nicht aus dem Kaffeesatz gelesen, denn 12 Millionen Italiener von insgesamt 56 Millionen Einwohnern des Landes konsultieren nach einem Umfrageergebnis des Meinungsforschungsinstituts Ispes die "Kräfte des Okkulten". Bis zu dreimal im Jahr gehen 29,5 Prozent von ihnen zum mago, 19,5 Prozent suchen sogar mindestens einmal im Monat die Fachleute des Übersinnlichen auf. Das Honorar liegt je Sitzung zwischen 60 Mark und 200 Mark.

Derart hohe Umsätze erfordern eine Branchenmesse. Und so wird vom 30. April bis 4. Mai 1993 in Turin Magica stattfinden, der "erste Salon für Esoterik, Parapsychologie und die Künste der Vorhersage". Bisher sind schon 360 Stände auf 12 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche im riesigen Palazzo Nervi vergeben, einer Halle, die nach Aussage der Branchenspezialisten "starke Inspiration" vermittelt und bisher der Turiner Antiquitätenmesse diente.

Altertümlich wollen die Magier allerdings auf keinen Fall erscheinen. Sie passen sich dem Bedarf des modernen Publikums an. Nur noch sechs Prozent ihrer Zauberkunst setzen die Magier ein, um das einst so gefürchtete malocchio, also eine Verwünschung, abzuwehren, Liebestrank und -beschwörungen stehen bei 21,5 Prozent der Konsultationen im Mittelpunkt und liegen damit nur noch knapp vor Berufsproblemen, die heute bereits 19,1 Prozent der professionellen Zauberkunst beanspruchen. Die meisten Kunden – 40,5 Prozent – wollen banal und global ihre Zukunft wissen. Und die ihres Geldes: Ein Großteil der italienischen Manager läßt die Finger von Unternehmungen, falls die Sterne schlecht stehen. Der mächtige Mailänder Börsenspekulant Michelangelo Virgillito spendete vor jeder großen Transaktion der Madonna eine schwere Wachskerze.

Turin, italienische Hauptstadt des Okkulten (und mutmaßlicher Sitz des Teufels), ist eine Magiermesse wert. Ein schlüsselfertiger Messestand kostet fast 3000 Mark Miete. Jeder Stand wird durch einen Vorhang in zwei Hälften geteilt. Denn das strenge Reglement verbietet "die öffentliche Ausübung von Praktiken, welche die Besucher stören und verwirren können". Interessenten können auf der Messe zwischen den stärksten Konkurrenten des Übersinnlichen wählen, sich über geheime kosmische und tellurische Gesetze informieren, aber auch wundertätige Kerzen und magische Gegenstände in allen Preisklassen kaufen. Ob diese Messe, der die Adepten fachgerecht eine große Zukunft voraussagen, angesichts des Europäischen Binnenmarktes auch die Aureole "International" tragen wird oder ob es schlicht beim Überweltlichen bleibt, haben die Fachleute des Okkulten noch nicht verraten.

Friedhelm Gröteke