In der Nähe jenes Ortes, in dem das deutsch-österreichische Schnulzodram "Ein Schloß am Wörthersee" angesiedelt ist, liegt Maria Wörth. "Es ruht in Mitte der flutenden Fläche von beweglichen Wellen umspielt und wankendem Schilfrohr tausend Schritte gegen den frostig sausenden Nordwest", bedichtete der bekennende Protestant Urban Paumgartner im 17. Jahrhundert diesen Flecken in Kärnten.

Drei Jahrhunderte später scheint das Idyll beschmutzt, jedenfalls: Die Gemeinde fühlt sich verunglimpft. Die Stadtoberen stoßen sich an einer Passage des vom Kölner Dumont-Verlag herausgegebenen Reiseführers über eben dieses österreichische Bundesland. Von gekräuseltem Wasser und unruhiger Flora ist darin nämlich keine Rede mehr. Vielmehr steht dort: "Heute meidet man Maria Wörth und den Nachbarort Reifnitz, weil die Gemeinde ein Mekka der Golf-GTI-Fahrer und Sammelpunkt von Verkehrsrowdies geworden ist."

Zum Beleg der Beobachtung heißt es durchaus anschaulich, daß "Reifenspuren das ganze Jahr über von den Auftritten der Gentlemen (künden)". In Reifnitz, so ist weiter zu erfahren, stehe ein "sinniges Denkmal; ein Golf-GTI aus Stein in Lebensgröße".

Das war zuviel für eine Gemeinde, die nach Experten-Schätzungen jährlich allein 600 000 Mark Kurtaxe durch die Golf-Piloten einnimmt. Sie erwirkte wegen "Kreditschädigung" eine einstweilige Anordnung beim Klagenfurter Landgericht: Das Buch darf in Österreich nicht mehr verkauft werden, obwohl auch der österreichische Standard bereits ein Auge auf das Treiben der Inhaber jener "lackierten Kampfhunde" rund um den Wörthersee geworfen hat.

Der Kölner Verlag hat inzwischen Widerspruch eingelegt. Gestritten wird, als handle es sich um eine schlechte Komödie. Nur kann der Zuschauer nicht recht darüber lachen. Der Fall Maria Wörth grenzt an Zensur. Kein Industriezweig reagiert so empfindlich auf kritische Berichterstattung, auf hintergründige Reiseführerliteratur wie die Reisebranche.

Insbesondere die jeden Schilling begierig erwartende Tourismusindustrie Austrias fühlt sich beständig auf den Schlips getreten, wenn mitten im Gesums von Bauernschränken und Sissi-Herrlichkeit mehr das Augenmerk auf Schmarrn gelegt wird. Die Reisewelt sei sauber, idyllisch und rein, so hätten sie’s gerne.

Im übrigen trifft sich diese Haltung mit der von Urlaubern. Solchen beispielsweise, die sich vor zehn Jahren beim nämlichen Kölner Verlag darüber beschwert haben, in einem Kunstreiseführer über das französische Périgord auch einen Hinweis auf den Ort Oradour gefunden zu haben. Die Wirklichkeit, vor allem die geschichtliche, die soll vor allem während der schönsten Wochen des Jahres ausgespart bleiben; gute Laune, wer weiß es nicht, ist ein fragiles Gut.