Von Ernst Klee

Eine Frau, knapp über vierzig, trennt sich 1991 von ihrem Mann. Die gemeinsamen Freunde schneiden sie fortan, verweigern jeden Kontakt. Briefe, die ihren Entschluß erläutern sollen, kommen zurück: Annahme verweigert. Die Frau, wir nennen sie Maria Meier, gerät in eine seelische Krise und bittet ihre Hausärztin um Hilfe. Die Ärztin befürchtet eine Kurzschlußhandlung und rät, die Nacht freiwillig in der Psychiatrie zu verbringen.

Spät abends wird Maria Meier von besorgten Freunden in die Psychiatrische Klinik in Nürnberg gebracht. Sie hat nichts dabei, kein Waschzeug, keinen Kamm, nicht einmal Groschen zum Telephonieren. Sie muß lange warten, bis ein Arzt erscheint. Er beruhigt sie: Morgen werde alles in Ordnung kommen.

Maria Meier kommt in ein Fünfbettzimmer. Sie ist zum erstenmal in der Psychiatrie, hört zum erstenmal Patienten schreien, sieht zum erstenmal Menschen unter Einwirkung von Psychopharmaka. "Das sind so Dinge", erinnert sie sich heute, "die kann man ja gar nicht einordnen. Ich hätte erwartet, bei einem Menschen, der in der Krise ist, daß jemand bei ihm ist, mit ihm spricht." Sie bleibt wach, um dem Nachtdienst zu zeigen, daß sie nicht in Panik ist. Um fünf Uhr steht sie auf, trinkt mit dem Pfleger Kaffee und geht danach vor dem Haus spazieren. Noch denkt sie, nach einem Gespräch wieder nach Hause zu können.

Endlich, gegen 11 Uhr, kommt ein Psychologe. Sie ist gereizt, erzählt weit ausholend ihre Geschichte. Daß sie keine Suizidabsichten habe. Daß ihre Kinder um 13 Uhr aus der Schule kämen. Daß sie freiwillig gekommen sei und also auch wieder gehen könne. Der Psychologe: "Da bin ich anderer Meinung. Sie sind krank."

Später hört sie, ein Amtsrichter werde kommen und sie auf ihre Zurechnungsfähigkeit überprüfen. Sie wartet in einem Flur, eine Ewigkeit, wie ihr scheint. Dann, nachmittags, informiert sie der Psychologe, der Amtsrichter sei verhindert. Er habe aber telephonisch veranlaßt, daß sie nach Erlangen in die Psychiatrie verbracht werde: "Gehen Sie freiwillig, oder muß ich Gewalt anwenden?" Von der Möglichkeit, einen Anwalt beizuziehen, erfährt sie nichts.

Der Psychologe schreibt am selben Tag ein "Ärztliches Attest zur Vorlage beim zuständigen Vormundschaftsgericht": Die Patientin zeige ein erregt-gespanntes Zustandsbild, sei distanzlos und logorrhoisch ("Logorrhoe" übersetzt das Klinische Wörterbuch mit "krankhafte Geschwätzigkeit"). Sie habe Suizidabsichten zugegeben, sei aber krankheits- und behandlungsuneinsichtig. Ihre Vorstellung, außerhalb der Klinik ein selbständiges Leben führen zu können, sei unrealistisch. Eine längerfristige stationär-psychiatrische Behandlung im zuständigen Bezirkskrankenhaus und die Errichtung einer Gebrechlichkeitspflegschaft zur medizinischen Behandlung und Aufenthaltsbestimmung seien erforderlich. Die "Verdachtsdiagnose", nach einem einzigen Gespräch und bei einer bis dahin niemals psychiatrisch behandelten Frau: "Schizophrenie vom paranoiden Typus, subchronisch mit akuter Exazerbation" (Verschlimmerung).