Nord 3, Montag, 9. November, 21.00 Uhr: "Mielke"; Sat 1, Mittwoch, 11. November, 20.15 Uhr: "Honecker. Eine Abrechnung"

Beide Filme sind auf Termine hin produziert, der eine auf den 9. November, den Dies irae der DDR, der andere auf den voraussichtlichen Prozeßbeginn in Sachen Honecker. Fernsehjournalismus von der ahnungslosen und der leichtfertigen Sorte. Und doch eine Überlegung wert, weil das Mißlingen nicht ganz zufällig ist.

Peter von Zahns Honecker-Film zeigt im O-Ton, im Kommentar und in den Statements wichtiger Zeitzeugen einen trickreichen, gefährlichen Machtmenschen. Der sonst gern als harmloses hölzernes Männeken, als Moskauer Marionette verharmloste Honecker soll in seiner Schuldfähigkeit vorgeführt werden. Von Zahn läßt sich zu einer Sequenz hinreißen, die makaber wirkt: Wir sehen "Honni" bei der Staatsjagd, die Kamera fährt die sauber sortierte "Strecke" ab – Mecklenburger Karnickel. Dazu erfahren wir aus dem Kommentar, wie viele Menschen er an der Mauer und in den Gefängnissen "zur Strecke" gebracht haben soll. Woraufhin der erfolgreiche Staatsjäger, wieder im O-Ton, die Jagd mit Halali und sozialistischem Gruße abbläst. Dies mögen auch manche der Opfer als peinlich empfinden. Effektvoll ist es allemal.

Auf Effekt und Affekt ist Peter von Zahn auch dann aus, wenn er zwischendurch die Reaktion von ehemaligen politischen Gefangenen ins Bild bringt. Wir rücken ab von der Leinwand, auf der sein Film läuft, wir sitzen als Mitzuschauer unter Exhäftlingen, sehen deren betroffene Gesichter, wenn die Vopos auf Demonstranten einhauen, hören ihren Protest, wenn Herr Gysi ein Wort der Verteidigung des Greises wagt, und ihren Beifall, wenn man ihn einen Verbrecher nennt. Die Idee, ein Forum aufzumachen über diesen Mann, ist nicht verkehrt. Wenn es aber kein öffentliches ist, sondern aus Leuten besteht, die in ihm ihren Erzfeind sehen, dann wird aus einer guten Idee billige Stimmungsmache. Glaubt man, den Ostlern so bei ihrer "Aufarbeitung" entgegenzukommen? Sind Honecker oder Mielke zu verstehen ohne die langjährige Duldung, das Mittun der vielen? Darf man sich nun wieder hinter ihnen verstecken mit seiner Schuld, wie man sich dereinst hinter ihnen versteckte mit seiner Ohnmacht? Es wäre Zeit, solche Fragen zu stellen. Allerdings bezweifle ich, daß man sie vom Westen aus stellen kann.

Auch im Fall Mielke hätten Betroffene einen anderen Film gedreht, einen, der einen Grund hat und ein Interesse, also ein Konzept. In dem Film von Jochen von Lang und Bernd Liebner wird Mielke lang und breit als Polizistenmörder vorgeführt, als hätte er sich damit erklärt. Doch ohne seine erbarmungslose Ergebenheit gegenüber der Sache, durch die er sich in Moskau und in Spanien – Lebensphasen, die in "Mielke" nur erwähnt werden – zum Saubermann qualifizierte, ist auch er nicht zu begreifen.

Die beiden Erichs erscheinen als Monster oder Mickerlinge und waren weder dies noch das. Zu zeigen, daß auch sie sich verschanzt haben, wie es ihre Untergebenen taten, könnte den Blick schärfen für die Monstrosität und Mickrigkeit ideologischer Bindungen. Und die erweisen sich immer wieder als ebenso unersetzbar wie gefährlich. Nicht nur im Osten.

Martin Ahrends