Von Lutz Häfner

Überfüllte Straßenbahnen; auf- und niederwogende Menschenmassen, erleuchtete Schaufenster, die Reklamezeichen der Lichtspieltheater. Wir hatten Einlaßkarten für das Ballett des Marientheaters ... fanden es jedoch draußen interessanter." Mit diesen Worten beschrieb der amerikanische Journalist John Reed die Petrograder Ereignisse des 25. Oktober oder (nach dem bei uns gültigen Gregorianischen Kalender) 7. November 1917 – des Tages, der bis vor wenigen Jahren noch als Tag der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution", als Beginn einer neuen Menschheitsepoche, gegolten hat.

Bereits im Februar 1917 war das anachronistische und hohle Gebäude des Zarismus in einem fünftägigen revolutionären Wirbelwind wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. An Stelle der zaristischen Alleinherrschaft etablierte sich im März 1917 eine Doppelherrschaft, bestehend aus der bürgerlichen Provisorischen Regierung und dem Kontrollorgan der werktätigen Massen, dem Petrograder Sowjet. Im Mai 1917 traten sechs Sozialisten der Regierung bei.

Von Beginn an war die Provisorische Regierung mit einer schweren Hypothek belastet, nämlich mit den von der Autokratie ererbten Problemen. Innerhalb von acht Monaten hat sie keines lösen können. Statt des erhofften Friedens unternahmen die russischen Streitkräfte eine letzte große Offensive, die jedoch im Juli 1917 nach kleineren Anfangserfolgen kläglich scheiterte. Auch die Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Lebensmitteln konnte nicht verbessert werden, im Gegenteil, die Preise stiegen, und die Warenmenge nahm ab.

Auf dem Lande breitete sich ein sozialer Flächenbrand aus; es kam zu Übergriffen der Bauern auf den Großgrundbesitz. Statt pragmatisch zu agieren, vertröstete die Regierung die Bauern auf die Zukunft. Mehr noch: Sie beschwor Rechtspositionen und entsandte zur Disziplinierung der Bauern Truppeneinheiten. Politische Kurzsichtigkeit und Starrsinn paarten sich letztlich zu einer fatalen Immobilität. Am 25. Oktober 1917 war die Zeit dieses Regimes abgelaufen.

Der Rote Oktober war weder ein Produkt des Zufalls noch der Coup d’état einer kleinen verschwörerischen Clique machtbesessener, doktrinärer Berufsrevolutionäre unter Leitung Lenins. Es handelte sich vielmehr um einen gesellschaftlichen Transformationsprozeß, der von Arbeitern, Soldaten, Bauern und der radikalen Intelligenz getragen wurde. Die Bevölkerung war des Krieges müde. Inflation, sinkende Reallöhne und Aussperrungen durch die Arbeitgeber radikalisierten die Arbeiterschaft. Arbeiter und Soldaten folgten den suggestiven. Parolen der Bolschewiki, weil sie sich anders eine Verbesserung ihrer Lage nicht vorstellen konnten.

Der von Lenin geforderte, vom bolschewistischen ZK gebilligte und vom Petrograder Revolutionären Militärkomitee vorbereitete Oktoberumsturz traf den politischen Gegner zwar nicht überraschend, aber unvorbereitet. Das Militärkomitee war als Mehrparteiengremium aus Bolschewiki, Linken Sozialrevolutionären, Menschewiki-Internationalisten und Anarchisten am 16. Oktober 1917 gegründet worden. Nicht zu Unrecht sprach der Menschewik-Internationalist Nikolai Suchanow vom "kindlichen Gemüt unserer Marionettenregierung"; er attestierte ihr "völlige Naivität".