Von Bernhard Wördehoff

Eine originelle Idee: Ein renommierter Autor wird 65 Jahre alt und erfreut aus diesem Anlaß auf Anregung seines Verlages seine treue und ansehnliche Lesergemeinde mit einem Buch seiner ureigensten Thematik: Preußen. Ein kritisches, von tiefer Zuneigung zur untergegangenen Heimat getragenes Buch, das jüngste in einer stattlichen Reihe zum Thema. Was enthält es? Eine Sammlung von neun monographischen Beiträgen; deren erster schlägt das Leitmotiv für den Blick auf den Staat an, der sich aus dem deutschen Osten entwickelte, vom Rande herkam und zur Mitte unserer neueren Geschichte wurde: "Die Pflicht und das Glück" ist die "Rede zur Heimkehr der Könige nach Potsdam am 17. August 1991" überschrieben. Das Buch will erklärtermaßen zum Verstehen Preußens beitragen, das seine Anziehungskraft im Guten wie im Bösen nie verloren hat. Graf Krockow trägt das Seine – und das ist viel – dazu bei, die Wirklichkeit nicht hinter der Legende verschwinden zu lassen.

Auf den ersten Blick mag der Begriff "Bilanz" im Titel irritieren. Er klingt nach Kontokorrent, nach Buchhaltung. Aber eine Bilanz enthält eben exakt Aktiva wie Passiva. In diesem Sinne ist das Buch tatsächlich in seinem thematischen Querschnitt eine Bilanz. Vieldeutig und vorläufig nennt sie der Autor, einen Versuch. Was wichtig ist, von ihm aber auch nicht anders zu erwarten war: daß Tugenden wie Untugenden als prägende Erscheinungen des Preußentums beim Namen genannt werden, ob es sich um die großen Könige oder die späten Herrscher handelt, ob es um den Adel oder um das Beamtentum geht, ob von den preußischen Juden erzählt wird oder von einer anderen Minderheit im Staate, den – Frauen. "Preußen und seine Frauen" rangiert als Kapitel vor dem Traktat über die Tugenden und öffnet den Blick für manche Besonderheit des Preußentums, das sich in diesem sehr männlichen Staat verwirklichte, nur verwirklichen konnte durch die Preußin, wie der Autor resümiert.

Preußen war kein Nationalstaat. Es war ein Staat sui generis. Nicht nur ein Feldlager, in dem Fremde willkommen waren. "Civile Gerechtigkeit" hat Madame de Staël dem Staat Friedrich des Großen bescheinigt. Im Preußen seiner Zeit schrieb Immanuel Kant: "Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? So ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung."

Graf Krockows Buch ist auch als Versuch eines Beitrags zur Aufklärung zu verstehen. Sein Querschnitt macht die Dialektik der Geschichte deutlich, daß aus dem Preußen als Heimstatt von Aufklärung und ziviler Gerechtigkeit im 18. Jahrhundert das ganz andere Preußen folgte.

Der persönliche, sehr eingängige Erzählstil läßt Lücken übersehen, die Form und Kürze des Buches gebieten, vom Anspruch einer Bilanz, wörtlich genommen, aber nicht gedeckt sind. Das "persönliche Nachwort" läßt den Begriff der Bilanz jedoch auch anders deuten. Graf Krockows Hinweis auf seinen 65. Geburtstag erklärt dieses Buch: Es ist keine Festschrift in eigener Sache, sondern dem Anlaß gemäß "ein Innehalten, ein Rückblick, eine Art von Bilanz ... ein Abschied von Illusionen". Und er zitiert ein ihn bewegendes Wort von Rilke: "Die belebten, die erlebten, die uns mitwissenden Dinge gehen zur Neige und können nicht mehr ersetzt werden. Wir sind vielleicht die Letzten, die noch solche Dinge gekannt haben. Auf uns ruht die Verantwortung, nicht allein ihr Andenken zu bewahren (das wäre zu wenig und unzuverlässig), sondern ihren humanen und larischen Wert. (,Larisch‘, im Sinne der Haus-Gottheiten)."

Dieser aus preußischer Herkunft erwachsene Autor mochte sich solchem Anruf zur Pflicht nicht entziehen. Das ehrt ihn. Denn: "Noch in einem anderen Sinne geht es in der Heimkehr um Zukunft. Wir müssen verhindern, daß das Unheil sich wiederholt." Grund genug für dieses Buch – und für ein zweites, das von einem Stück preußischer Geschichte ganz anderen Stoffes, nämlich von dem der Träume handelt. Denn auch im Preußen der strengen Pflicht als Staatsraison wurde geträumt. "Nein, sagt! Ist es ein Traum?" fragt am Ende der Prinz von Homburg in Kleists preußischem Staatsdrama. Der im Schloß Rheinsberg so anmutig materialisierte Traum des von seinem königlichen Vater geschundenen Kronprinzen Friedrich war kurz, dauerte nur vier Jahre. Doch seither ist er, stets erneut, Faszinosum geblieben. Wer ihm nun aufs neue erliegt, nachdem aus dem Diabetiker-Sanatorium der DDR wieder Erinnerungsstätte preußischer Geschichte wurde, wird mit Gewinn die Traum-Studie von Graf Krockow zur Hand nehmen.