Von Vera Gaserow

Lehnen wir uns zurück: 1300 Seiten dichtbeschriebenes Papier, aber die Mühe des Durchackerns hat sich gelohnt. Erleichterung macht sich breit. Mit schreckgeweiteten Augen haben wir gesehen, wie Jugendliche Asylantenheime anzündeten, in Kneipen haben wir sie getroffen, wo sie nach dem fünften Bier zum "Fidschis aufklatschen" loszogen, und weil mancherorts jeder dritte mit einer Waffe in die Schule kommt, haben wir uns auch Sorgen gemacht. Sorgen um die Jugend in diesem Lande. Brauchten wir aber gar nicht, sagen jetzt 1300 Seiten Lektüre, denn die Jugend im Jahr 1992 gibt in ihrer großen Mehrheit "zu wenig Besorgnis Anlaß" und lehnt – bemerkenswert einhellig – politische Gewalt gänzlich ab. Vereinigungskater, Perspektivlosigkeit, no future? Alles falsch: "Die junge Generation in Deutschland ging optimistisch in diese Vereinigung und hat diesen Optimismus auch danach beibehalten. Die jungen Ostdeutschen noch etwas mehr als die Westdeutschen."

Seit beinahe 40 Jahren kümmert sich das Shell-Jugendwerk um die Befindlichkeit der deutschen Jugend. Seine in unregelmäßigen Abständen vorgelegten Studien sind eine Art Enzyklika der Jugendforschung: unerläßliches Standardwerk für Politiker, Lehrer und Sozialarbeiter, Klassiker für die, die auch Jahre später noch wissen wollen: Wie haben die Sechzehnjährigen damals gedacht, geliebt und rebelliert? Um so gespannter durfte man deshalb auf die neueste, die elfte Shell-Jugendstudie sein, die jetzt der Öffentlichkeit vorgelegt wurde. Gespannt, weil die Shell-Jugendforscher, anders als manche Blitzumfrager, mit fein differenzierendem Instrumentarium arbeiten (und einem Batzen Geld; die diesjährige Studie kostete eine runde Million). Gespannt aber vor allem, weil es die erste gesamtdeutsche Shell-Studie ist und man sich Erklärungshilfen erwartete für das, was Jugendliche derzeit vor allem auf ostdeutschen Straßen veranstalten.

Doch nach Motivspuren für Rostock und Hoyerswerda fahndet man vergeblich in dem vierbändigen Werk. Das mag daran liegen, daß der Zeitpunkt der Erhebung – wie bei solchen großen Studien üblich – ein Jahr zurückliegt. Nur: Ausländerfeindliche Tendenzen und Gewaltbereitschaft haben sich auch schon im vergangenen Jahr abgezeichnet, und wer, wenn nicht eine solche umfangreiche Jugendbefragung, hätte Seismograph sein müssen für die eingetretene Erschütterung? Arthur Fischer, einer der beiden Urheber der Shell-Studie, meint, daß die Ergebnisse ein Jahr nach ihrer Erhebung noch "genauso relevant" seien. Das entscheidende sei, daß man die Aufmerksamkeit ganz bewußt nicht auf die spektakulären Ereignisse gelenkt hat. "Die Studie will die normalen, die durchschnittlichen Jugendlichen in den Blick rücken."

Diese Arbeitsweise mag ein bewährtes Markenzeichen der Shell-Studien sein, und angesichts der momentanen Aufgeregtheit über "die Jugend" tut ein Stück Gelassenheit sicher gut. Doch bei der "Jugendstudie 92" wird man den Eindruck nicht los, daß die Bilanz nur deshalb so beschwichtigend ausfallen konnte, weil beschwichtigende Fragen gestellt wurden. So mußten die Jugendlichen in Ost und West zwar Auskunft geben, was sie über vegetarisches Essen denken, wann sie erstmals allein in Urlaub fuhren und wie sie schlafen (erhellendes Ergebnis: im Westen eher auf einer Matratze am Boden, im Osten auf dem Hochbett). Zum Reizthema Nummer eins, ihrem Verhältnis zu Ausländern und Asylbewerbern, wurden sie jedoch nicht befragt. Arthur Fischer: "Das wollten wir nicht." Und so liegt es wohl auch an den Vorgaben der Frager, daß in einer sogenannten "Haßliste", auf der die Befragten die Gruppen angeben sollten, die sie partout nicht leiden können, das Wort "Asylant" überhaupt nicht auftaucht. Statt dessen rangieren Hooligans und Skinheads überraschend auf Platz 1 und 2 der meistgehaßten Gruppen.

Ausländer waren weder Objekt der Befragung noch Subjekt. Unter den 4000 Jugendlichen, die die Shell-Forscher interviewten, war kein einziger der 1,5 Millionen Jugendlichen mit fremdem Paß. Doch nicht nur diese Ausgrenzung der ausländischen Jugendlichen verärgert. Auch die Altersbegrenzung irritiert. Erstmals nämlich in ihrer fast vierzigjährigen Arbeit haben die Shell-Forscher den Begriff "Jugend" auf das Lebensalter von 29 Jahren hochgeschraubt. Eine merkwürdig ausfransende Definition, die in der Sozialforschung zwar nicht unüblich ist, aber dennoch fragwürdige Ergebnisse produziert. Denn ein 13jähriges Mädchen denkt – hoffentlich! – über vieles anders als ein 28jähriger Familienvater.

Also 1300 Seiten für den Papierkorb? Sicher nicht. In etlichen Punkten gibt die Shell-Studie durchaus Aufschluß über jugendliche Zukunftsvorstellungen und Befindlichkeiten. So lautet etwa ein Fazit: "Dramatische Unterschiede in den Grundorientierungen zwischen den Jugendlichen in den alten und den neuen Bundesländern sind ausgeblieben." Obwohl sie in verschiedenen sozialen und finanziellen Strukturen leben und einen anderen biographischen Hintergrund haben, erweisen sich Wertmaßstäbe, Zukunftswünsche und kulturelle Lebensstile "als ähnlich bis nahezu identisch". Einig sind sich Jugendliche in Ost und West auch darin, was sie von Politik halten: Fast 70 Prozent meinen, "daß in der Politik selten etwas passiert, was dem kleinen Mann nützt". Gut Zweidrittel fühlen sich keiner einzigen Partei nahestehend. Dennoch wird die Wiedervereinigung mehrheitlich in einem positiven Licht gesehen – von den Ostdeutschen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. 60 Prozent von ihnen haben überwiegend positive Erinnerungen an die DDR, weil sie, so die häufigste Nennung, dort das Gefühl des "Zuhause-Seins" hatten.