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Von Ludwig Siegele

Kolumbus entdeckte 1492 nicht nur einen neuen Kontinent, sondern auch ein neues Kraut: den Tabak. Das mußte einer seiner Seeleute bitter büßen, berichten zumindest Leute vom Fach. Denn in der Neuen Welt war Rodrigo de Jerez zum Raucher geworden. Zurück in Spanien, schnappte den Unglücklichen deswegen die Inquisition – und steckte ihn für achtzehn Jahre ins Gefängnis. Urteilsbegründung: Hexerei.

Fünfhundert Jahre später fühlen sich viele französische Raucher ähnlich erbarmungslos behandelt. Seit Allerheiligen gilt im Land der Gauloises und Gitanes das wohl strengste Antirauchergesetz Europas. Ob in Betrieb, Schule oder Kneipe – Rauchverbot ist die Regel. Und von Januar nächsten Jahres an ist auch jegliche Werbung für die Glimmstengel untersagt.

Typisch französisch, mag da mancher meinen: von einem Extrem ins andere. Aber das Urteil ist nur die halbe Wahrheit: Weder war das Existentialistenfrühstück (eine Gauloise plus ein Espresso) in Frankreich jemals ein Nationalgericht, noch beginnt am Rhein jetzt die rauchfreie Zone Europas.

Zwar gab Jean Nicot dem Gift im Tabak seinen Namen, als er das Kraut um 1560 der Königin Katharina von Medici als Kopfschmerzmittel verschrieb. Aber seine Landsleute inhalieren heute vergleichsweise wenig Nikotin: Jeder Gallier über fünfzehn Jahre raucht rein rechnerisch knapp zweitausend Zigaretten im Jahr, etwa soviel wie der Durchschnittseuropäer und immerhin rund zehn Schachteln weniger als sein deutscher Nachbar.

Der blaue Dunst ist freilich auch in Frankreich noch ein großes Problem, gesundheitlich wie ökonomisch: Mehr als ein Drittel der Franzosen und fast zwei Drittel der 18- bis 24jährigen rauchen. Die französischen Gesundheitsorganisationen schätzen, daß jedes Jahr rund 60 000 Menschen an den Folgen ihrer Sucht sterben, etwa die Zahl der Einwohner einer Stadt wie Cannes. Jedes Jahr zahlen die Krankenkassen rund 14,6 Milliarden Mark für die durch Rauchen verursachten Leiden extra. Und jedes Jahr verliert die Wirtschaft wegen Arbeitsausfall etwa 4,3 Milliarden. Macht zusammen fast ein Prozent des französischen Bruttosozialprodukts.

Angesichts der Zahlen wurde der Gesetzgeber in Frankreich schon recht früh aktiv. Bereits Anfang der siebziger Jahre schränkte Paris – allerdings ohne großen Erfolg – das Rauchen in öffentlichen Gebäuden wie Krankenhäusern und Schulen ein. Mitte des Jahrzehnts setzte die Regierung der Tabakwerbung Grenzen. Seit vergangenem Sonntag ist Frankreich praktisch so nichtraucherfreundlich beziehungsweise raucherfeindlich wie Kalifornien – zumindest auf dem Papier.

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Das neue Dekret, das über zwei Drittel der Franzosen befürworten, dreht sozusagen die Beweislast um: In öffentlichen Gebäuden haben die Nichtraucher das Sagen. Raucher dürfen nur noch in speziell ausgewiesenen Nischen ihrem Laster frönen. Und Gesetzesbrechern drohen harte Strafen: bis zu 380 Mark für Personen und bis zu 1760 Mark für Unternehmen oder Gaststätten.

Unternehmen dürfte es noch vergleichsweise leichtfallen, spezielle Raucherecken auszuweisen Doch viele Manager fürchten neue Spannungen im Betrieb – zu einer Zeit, in der sie wegen der lahmen Konjunktur schon genug Ärger haben: "Streit um den Dunst – dazu habe ich im Moment weiß Gott keine Lust", bringt Yvon Staffolini, Sozialbeauftragter bei der Electrolux-Tochter Ardam, die Stimmung der Wirtschaft auf den Punkt.

Schwerer haben es da schon Restaurants und vor allem die unzähligen kleinen Bars. "Eine Nichtraucherzone ist bei mir schlichtweg unmöglich. Und wenn ich das Rauchen ganz verbiete, verliere ich drei Viertel meiner Kundschaft", ärgert sich Hamid Djouadi, Besitzer des "Café des Arts" am Place de la Contrescarpe im fünften Pariser Arrondissement. Aus Protest hängt seit Sonntag ein Schild an der Eingangstür: "Raucherbar – Nichtraucher geduldet".

Das Beispiel dürfte Schule machen. Denn das Antiraucherdekret glänzt nicht gerade durch Klarheit. Anwälte suchen schon nach Schlupflöchern. "Wieder einmal ist man mit der Frucht technokratischer Einbildung konfrontiert, welche die heutige Rechtswelt immer mehr mit medienträchtigen, aber unrealistischen und unanwendbaren Texten verbaut", bemerkte kürzlich die renommierte Rechtszeitschrift La Vie judiciaire.

Aber nicht nur deswegen könnte das neue Dekret in vielen Fällen ein Papiertiger bleiben. Denn die Regierung ist reichlich inkonsequent: Nur in wenigen europäischen Ländern sind Zigaretten billiger als in Frankreich. Doch seit Jahren weigert sich die Regierung, die Tabaksteuer kräftig anzuheben oder entsprechende Preissteigerungen zuzulassen. Denn für den heutigen Premier- und früheren Finanzminister Pierre Bérégovoy ist alles tabu, was die Inflationsrate auch nur ansatzweise erhöhen könnte.

Die Inkonsequenz hat aber noch einen weiteren Grund, der auf Ludwig XIV. zurückgeht: Seit 1674 ist der Staat Besitzer der Seita (Société d’Exploitation Industrielle des Tabacs et Allumettes), die für französische Zigaretten das Produktions- und für ausländische Marken das Vertriebsmonopol hat. Das Unternehmen beschäftigt immerhin 5700 Menschen, macht einen Umsatz von 3,6 Milliarden Mark und bringt dem Staat rund 9,5 Milliarden Tabaksteuer.

Unter dem Strich verliert der französische Staat freilich: Die Schachtel Gauloises bringt ihm zwar rund 1,50 Mark. Doch sie kostet ihn, so die Rechnung der Nikotingegner, zugleich 2,65 Mark – an Gesundheitskosten und Produktionsausfall. Gegen die Logik sind bestimmte Politiker aber offenbar immun. Danach gefragt, antwortete ein Finanzminister einmal: "Ich bekomme den einen Franc. Und die zwei anderen zahlt mein Nachfolger." Übrigens: Im nächsten März sind Parlamentswahlen in Frankreich.