Von Walter Boehlich

Die Deutschen, denen lange Zeit nachgerühmt worden ist, ihr Land sei reicher an großen Philologen als andere, und die dann durch eigenes Verschulden jahrzehntelang die Nachhut der Linguistik bildeten, haben wenig Glück mit ihren Wörterbüchern. Das größte, das Grimmsche, ist eine Trümmerstätte voller Merkwürdigkeiten und Absurditäten, ungleichmäßig, eigensinnig, durch ideologische Anpassung allzuoft entstellt und bei seinem endlichen Abschluß in weiten Teilen schon überholt. Die Neubearbeitung der ersten sechs Buchstaben, die die schlimmsten Mängel beseitigen soll, ist auf 120 Lieferungen berechnet, aber kein Lebender wird ihr Ende erleben, denn in den vergangenen siebenundzwanzig Jahren sind, wenn ich richtig zähle, nicht mehr als zweiunddreißig Lieferungen erschienen, was heißt, daß man, wenn alles so weitergeht, nach wiederum siebzig oder achtzig Jahren wieder von vorne anfangen kann – ein Unternehmen ohne Ende, eine Fehlinvestition.

Das "Deutsche Fremdwörterbuch", ein Erzeugnis deutschen Sonderwegegeistes, haben wir nach mancherlei Unterbrechungen vollständig in Händen, aber die alten Teile, zwei Bände von A bis P, und die neuen vier Bände von Q bis Z reimen sich nicht aufeinander; wo am Anfang gespart worden ist, hat man am Ende verschwendet, mit Belegen jedenfalls, während das mögliche Wortmaterial nur unzureichend berücksichtigt worden ist.

Das achtbändige "Trübnersche Wörterbuch" bedeckt man besser mit dem Mantel des Schweigens, da seine ersten vier Bände mehr mit nationalsozialistischer Propaganda als mit objektiver Lexikographie zu tun haben. Verglichen mit all dem ist das "Große Wörterbuch der deutschen Sprache" aus den Duden-Verlag mit seinen sechs Bänden schon so etwas wie ein Glücksfall, auch wenn es, mehr oder minder seiner Absicht entsprechend, als historisches Wörterbuch eher enttäuscht. Aber es ist aus einem Guß, handlich und billig und nützlich für den gemeinen Mann.

Das wäre, alles in allem, kein sonderlich befriedigender Zustand für eine Nation, die doch bekanntlich nichts gemeinsam hat als ihre Sprache, wenn es da nicht neben vielem zu vernachlässigendem Kleinwerk noch ein Deutsches Wörterbuch gäbe, das bisher jedes andere in den Schatten gestellt hat, einfach dadurch, daß es so ganz anders und tatsächlich unvergleichbar war. Es war zunächst das Werk eines einzigen Mannes und ist vor 95 Jahren zum ersten Mal erschienen. Sein Verfasser, Hermann Paul, war damals etwa fünfzig und lehrte in München, wo er bis zu seinem Tode blieb. Er war, seiner Zeit um einiges voraus, das Haupt der sogenannten Junggrammatiker und bedeutend auf allen seinen Arbeitsgebieten: als Editor, als Wissenschaftsorganisator, als Grammatiker, als Theoretiker und eben auch als Wörterbuchmacher.

Trotz seiner unbestreitbaren Leistungen haben ihn die wenigsten im gelehrten Olymp angesiedelt, und das aus zwei Gründen: Der erste, leider naheliegende, ist auf den Futterneid der beherrschenden Berliner Schule zurückzuführen, die den Münchener, der sich ihren Göttern Lachmann und Scherer entgegengesetzt hatte, noch strikter ablehnte als er sie; der zweite allerdings hat nichts mit deutschnationalen Eigentümlichkeiten zu tun.

Hermann Paul hatte 1880 ein ebenso oft gerühmtes wie selten gelesenes Buch unter dem Titel "Prinzipien der Sprachgeschichte" veröffentlicht, das in seinen Grundthesen nicht sehr weit von der erst ein Vierteljahrhundert später formulierten Lehre Ferdinand de Saussures entfernt war. Saussure hatte gewisse Kenntnisse vom Wirken der Junggrammatiker, aber wohl keine Zeit, sich mit den "Prinzipien" zu beschäftigen, während Paul seinerseits Saussure erst hätte kennenlernen können, als er schon erblindet war. Auf jeden Fall wäre es zu spät gewesen, denn Saussure hatte, wie man so sagt, die Terminologie der fortschrittlichen Linguistik "besetzt": Es war kein Platz mehr für Hermann Paul.