Von Joachim Fritz-Vannahme

Warschau

Welch Sinnbild der polnischen Lage: Mitten in Warschau findet sich rings um den Palast für Kultur und Wissenschaft, dieses Monstrum aus der Stalinzeit, ein kunterbunter Budenzauber aus Kiosken und Baracken. Dem frostigen Imponierbau des alten Regimes drehen die Polen heute einfach den Rücken zu, im Schatten dieses Monolithen emsig auf der Suche nach dem schnellen Zloty. Das Geschäft läuft. Wem käme bei diesem herrlichen Treiben noch der Gedanke an Rezession? Tatsächlich ist es privater Unternehmergeist, zumeist im Handel aufblühend, der die polnische Wirtschaft in diesen Tagen emporzieht, und das viel kräftiger als in Ungarn oder der Tschechoslowakei. Die Wachstumskurve oszilliere irgendwo zwischen null und einem Prozent, erläutert ein Beamter. Das sei zwar nicht viel, aber eben doch mehr als nebenan.

Dieser Herbst bringt endlich die Früchte, die im Frühjahr alle vermißten. Damals lähmten politische Rivalitäten zwischen Staats- und Ministerpräsidenten, Parteien und Regierung alle Initiativen. Die ewig Gestrigen reizten den alten nationalistischen Reflex gegen Überfremdung und Verwestlichung, und Polen verlor vor lauter Unruhe ein halbes Jahr, das es unter der jetzigen Regierung von Hanna Suchocka mühsam aufholen muß.

Eine Frau als Regierungschefin in – diese Vorstellung ließ im traditionsverhafteten Polen nicht nur einen frauenfeindlichen Präsidenten die Stirne runzeln. Doch der instinktsichere Lech Walesa spürte schon vor seinen Landsleuten, daß diese Juristin, weltgewandt und belle Bourgeoise, nicht nur seinem Ansehen höchst zuträglich ist. Staatspräsident und Ministerpräsidentin verstünden sich gut, erklärt Walesa im Gespräch, "auch wenn ich nicht immer ihrer Meinung bin".

Als die energische Hanna Suchocka gleich nach ihrer Ernennung in diesem Sommer die Streiks der Bergarbeiter erfolgreich durchstand, hielt ihr der einstige Gewerkschaftsführer Lech Walesa den Rücken frei. "In diesem Land wird keine Regierung mehr durch Streiks gestürzt", meint der Präsident mit Blick auf seinen eigenen Kampf in der Vergangenheit: "Wir können einfach nicht so stürmisch sein wie die Ostdeutschen. Die haben schließlich einen reichen Onkel, den sie ausquetschen können. Wir aber haben nur uns selber."

Selbsthilfe allein freilich genügt nicht. Polen fehlt es nicht an Waren und auch nicht an heimischer Kaufkraft, auch wenn der soziale Wandel Hunderttausende an die Armutsgrenze drückt. Dem Land mangelt es nicht an Unternehmergeist und auch nicht an der Arbeitsmoral, wie besonders ausländische Manager bestätigen. Hier mangelt es an Kapital, an ausländischen Investitionen. Die wandern derzeit eher nach Budapest oder Prag, obgleich dort, wie Polen mit leiser Bitterkeit bemerken, die Konjunktur düsterer sei und die Privatwirtschaft auf schwächeren Füßen stehe.