Von Gabriele Venzky

Die Entscheidung der Weltbank, ihre Hilfe für das größte und umstrittenste Entwicklungsprojekt der Erde, nämlich das Bewässerungsvorhaben am indischen Narmada, für sechs Monate fortzusetzen und dann einer neuen Prüfung zu unterziehen, ist in Indien sowohl bei Gegnern wie Befürwortern auf heftige Kritik gestoßen. Die mehr als fünfzig Bürgerinitiativen, die sich landesweit zur "Bewegung für die Rettung des Narmada" zusammengeschlossen haben, sind enttäuscht darüber, daß trotz weltweiter Bedenken "diese größte geplante Umweltkatastrophe" weiter finanziert wird. Die Projektbefürworter in der Regierung hingegen sind empört, daß sich die internationalen Geldgeber vorbehalten, die bisher festgestellten schweren Menschenrechtsverletzungen und die totale Mißachtung des Umweltschutzes schon nach so kurzer Frist abermals unter die Lupe zu nehmen. Das große Indien dürfe sich nicht erpressen lassen, argumentieren sie. Es sei besser, die noch ausstehenden 150 Millionen Dollar des ursprünglichen 500-Millionen-Kredits der Weltbank zu vergessen und selbst zu bezahlen, als weiter international am Pranger zu stehen. Bei einem kalkulierten Gesamtaufwand von gegenwärtig drei Milliarden Dollar, der bis zur Fertigstellung auf das Doppelte anzusteigen droht, seien 150 Millionen ein kaum ins Gewicht fallender Posten.

Noch auf dem Umweltgipfel in Rio hatte Indien keine Gelegenheit ungenutzt gelassen, den dort versammelten Experten aus aller Welt Vorträge über sustainable development zu halten, also jene Form "nachhaltiger" Entwicklung, die nach den Vorstellungen der internationalen Entwicklungsstrategen all das wiedergutmachen soll, was falsche Entwicklungskonzepte bisher zerstört haben. Statt Entwicklung um jeden Preis heißt jetzt die Devise: sanfte Entwicklung zur Schonung der Umwelt und durch Beteiligung der Menschen an der Basis. Narmada, so schien es, sollte zum ersten Testfall dafür werden, daß es der Menschheit Ernst ist mit dem, was in Rio beschlossen wurde.

Doch genau das Gegenteil scheint nun der Fall zu sein, und das indische Beispiel könnte leicht Schule machen: Je mehr die Länder der Ersten Welt sogenannte grüne Bedingungen bei der Vergabe von Hilfsgeldern stellen und damit die Entwicklungsdebatte zwischen Arm und Reich verschärfen, desto mehr werden Entwicklungsländer dazu übergehen, ihre Ressourcen umzuschichten, um sich den Auflagen zu entziehen.

Die Argumente, die dazu in Delhi angeführt werden, sind aus indischer Sicht durchaus einleuchtend. Menschenrechtler und Umweltschützer in den Geberländern machten es aus politischen Gründen nicht nur für die Weltbank schwierig, an dem Projekt festzuhalten. Es sei auch damit zu rechnen, daß diese Gruppen auf ihre Regierungen zunehmend Druck in Sachen Entwicklungshilfe ausüben werden. Deshalb sei es besser, allein durchzuziehen, was man als richtig erkannt habe. Denn die ständigen negativen Schlagzeilen, die Indien wegen Narmada bekäme, könnten noch viel weitreichendere und teurere Konsequenzen haben. Es sei durchaus vorstellbar, daß sie sich auf ausländische Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit auswirkten, heißt es in Delhi. Beides braucht Indien dringend, damit die neue, liberalisierte Wirtschaftspolitik greifen kann.

Schließlich hängt von einer erfolgreichen Wirtschaftsreform die Zukunft von derzeit 870 Millionen Indern ab. Von den fünf wichtigsten Wirtschaftsnationen, den Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, wird Narmada nur noch von Paris unterstützt. In Bonn gibt es allerdings eine gewisse Neigung, selbst gegen besseres Wissen an einem Projekt festzuhalten, "weil ja nun schon einmal so viel Geld investiert worden ist".

Bei der derzeitigen Diskussion um Narmada geht es um Sardar Sarovar. Das ist die erste Stufe eines gigantischen Projektes, das einmal 30 Großstaudämme, 135 mittlere Staudämme und 3000 kleine Dämme umfassen soll. 80 000 Kilometer Kanäle sollen Wasser aus der Mitte des Subkontinents in die Dürregebiete der Unionsstaaten Madhya Pradesh, Maharashtra und Gujarat bringen. Sardar Sarovar wird als Modell des nationalen Fortschritts bezeichnet. Dieses Projekt werde so viel Land bewässern, daß zwanzig Millionen Menschen ernährt werden könnten, daß die Trinkwasserversorgung für dreißig Millionen sichergestellt würde, daß eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen würden, daß 1200 Megawatt Strom der Industrie zu neuem Aufschwung verhelfen könnten. Für Delhi ist die Fertigstellung des Projekts nicht nur eine Frage des politischen Prestiges, sondern auch eine Frage des Überlebens. "Für uns gibt es keine Alternative", heißt es.