Es begann mit einer Kriminalgeschichte – ihr, nehmt alles nur in allem, Happy-End ist jetzt im trutzigen Bau des Berliner Kunstgewerbemuseums am Tiergarten zu besichtigen. Für ein halbes Jahr ist hier der (fast) komplette Schatz der Quedlinburger Stiftskirche St. Servatius ausgestellt. Eine "normale" Ausstellung mit ungewöhnlichem Hintergrund. Die Fakten sind bekannt: von der Auslagerung des Schatzes 1942 über den Raub zehn wichtiger Preziosen durch einen Angehörigen der amerikanischen Besatzungstruppen 1945 bis zum Versuch der Erben, das Samuhel-Evangeliar zu verkaufen. Nach juristischem Tauziehen um die Rückgabe zunächst des Evangeliars, dann aller gestohlenen Objekte konnte im Frühjahr 1992 mit finanzieller Unterstützung der Kulturstiftung der Länder der Schatz endgültig für Quedlinburg zurückgekauft werden; Kosten: alles in allem sechs Millionen Mark.

Die Zusammenführung der am Ort verbliebenen mit den acht bis jetzt aufgetauchten Stücken in Quedlinburg ist für den Herbst 1993 vorgesehen. Dann sollen in der Kirche die notwendigen Einrichtungen für eine sachgerechte Unterbringung am alten Ort, in der Schatzkammer, geschaffen sein. Bis dahin bietet die Präsentation im Museum (zu der alle Teile untersucht, gesäubert und erstmals wissenschaftlich bearbeitet wurden) die einzigartige Möglichkeit, einen der reichhaltigsten und qualitätsvollsten Schätze des Mittelalters zu besichtigen. Ironie der Geschichte: Im selben Haus, nur wenige Schritte entfernt, werden die Reste einer anderen großen Sammlung, des Weifenschatzes, gezeigt. In den zwanziger Jahren zum Verkauf angeboten, fand sich niemand bereit, das nötige Geld aufzubringen, um seinen Verbleib in Deutschland zu sichern. Wichtige Teile gingen damals ins Ausland.

Die Vielfalt des Ganzen und die Kostbarkeit: Das ist es, was den Quedlinburger Schatz auszeichnet. Dabei sind es nicht ausschließlich christliche Gegenstände, die hier Aufnahme fanden. Gerade die Umwandlung zum Beispiel eines Bergkristallflakons in ein Reliquiar oder die Applizierung eines antiken Dionysos-Kopfes an den Reliquienkasten Ottos I. führen den universalen Charakter der Sammlung vor Augen. Nichts gab es, was kirchlichem Kult nicht dienstbar gemacht werden konnte. Mehr noch: Immer sind die Preziosen zugleich auch Zeugnisse des hohen politischen Anspruchs, den man in Quedlinburg für sich reklamierte. Und das nicht zu Unrecht. Herzog Heinrich von Sachsen, 919 zum König des ostfränkischen Reiches gewählt, ließ Quedlinburg ausbauen zur bevorzugten Pfalz. Das 936 von Kaiser Otto I. neu gegründete Kanonissenstift stand in engster Beziehung zu den ottonischen Herrschern, die sich hier regelmäßig aufhielten. Treibende Kraft bei der Gründung war Ottos Mutter Mathilde, deren Gemahl Heinrich I. hier beigesetzt wurde. Bis 966 übernahm sie selbst die Leitung. Die folgenden Äbtissinnen kamen stets aus der königlichen Familie, eine Bindung, die sich erst im 12. Jahrhundert lösen sollte. Womit auch das Ende der Blütezeit der Sammlung gekommen war.

Diese von Anfang an nicht nur kostbare, sondern äußerst heterogene Sammlung erfährt eine Steigerung ihrer optischen Präsenz in der geradezu spielerischen Kombination einzelner Stücke, durch die Kunstwerke von einer völlig eigenen ästhetischen Ausstrahlung entstehen. Kaum eines der wertvollen älteren Objekte, das nicht früher oder später in neue Zusammenhänge integriert worden ist.

Am Otto-Adelheid-Evangeliar, um 1000 in Quedlinburg entstanden, enthält der filigranverzierte Buchdeckel aus dem 13. ein byzantinisches Elfenbeinrelief des 10. Jahrhunderts. Den Heinrichskasten schmückt eine Bodenplatte mit Gravuren der Zeit um 1200; die Wandungen tragen Reliefs des 10. und 11., der Deckel ist mit Stanzen des 13. Jahrhunderts versehen. Hinzu kommt die exklusive Erlesenheit der Edelmetallarbeiten. Die meisten von ihnen entstanden in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Werkstätten des Nordharzgebietes. Auf dem Buchdeckel des Samuhel-Evangeliars ist das Zentrum mit der Gottesmutter und den Ortsheiligen umgeben von einem überreichen Filigranschmuck mit Edelsteinen und byzantinischen Schmelzarbeiten. Mit den Augen kann man ablesen, wie sich aus dem scheinbar willkürlichen Goldschmiedeornament eine "Ordnung der Dinge" entwickelt, die sich durch überlegte Setzung von farbigen Akzenten aus Steinen zur Harmonie eines Ganzen aus Einzelteilen gestaltet. Das Interesse des 13. Jahrhunderts an den älteren Gegenständen des Schatzes spiegelt noch ein historisches Bewußtsein, welches gezielt auf die vergangene Glanzzeit des Stifts reflektiert. Und noch das "Aufpolieren" der Kleinodien in Quedlinburg ist Zeichen ihrer aktiven Benutzung. Die hier beschworene Vergangenheit aber war nicht mehr zum Leben zu erwecken. Vergeblich war der Kampf um die Unabhängigkeit eines Stifts, das längst im politischen Abseits stand. Dies ist immer klarer auch an den Kunstwerken ablesbar: Reliquiendepositorien des späten Mittelalters kommen über den Rang von Devotionalien nicht mehr hinaus; drei hölzerne Kästen des 15. Jahrhunderts sind der arme Abgesang auf die große Tradition prachtvoller Schreine.

So illustrieren die gut fünfzig Exponate unmittelbar die wechselvolle Geschichte des Quedlinburger Stifts und seine Einbindung in die Politik des mittelalterlichen Reichs. Ästhetisches Vergnügen und historisches Interesse, die Ausstellung befriedigt beides in gleicher Weise. (Kunstgewerbemuseum Berlin bis zum 30. Mai 1993; Katalog im Nicolai Verlag, Berlin; 30,– DM broschiert, 58,– DM gebunden) Klaus Mehr