Von Manfred Sack

Was tut der Leser, wenn er ein beleibtes Buch wie dieses in die Hand nimmt? Er blättert und ergibt sich der Verführung, die in den schönen Bildern lauert. Schon die allererste Photographie, links neben dem Titel plaziert, nimmt ihn gefangen: Siena, senkrecht von oben aufgenommen; das Straßennetz bildet zwei scheinbar gegenläufige Wirbel, der eine dreht sich um den Dom, der andere um das Rathaus und den Campo. Siena sieht aus wie der Inbegriff einer "organischen" Struktur; trotzdem liegt der aus drei Dörfern entwickelten Stadt ein bis ins Detail vorgeschriebener, politisch gewollter und unerbittlich durchgesetzter Plan zugrunde. Und während Florenz dem Mittelalter abschwor und für seinen neuen Stadtplan nach dem Rechteck suchte, baute Siena weiter auf seine von der Topographie inspirierte "gotische" Ordnung zum Wohl der Stadt und ihrer Bürger, zum Staunen der Welt.

Was Wunder, daß Siena zu den Beispielen dieses Buches gehört, welches "Das Gesicht der Stadt" (der Titel) zu beschreiben und zu ergründen sucht und dabei wie von selber zu einer "Geschichte städtischer Vielfalt" (der Untertitel) wurde. Ihr Verfasser ist der in Istanbul als Grieche geborene amerikanische Kunsthistoriker Spiro Kostof (1936-1991), ein beflissener Rechercheur, ein mitteilsamer Analytiker, ein neugieriger Freund der Stadt. Ihn faszinierten die schönen, unendlich verschiedenen Gesichtszüge, vor allem aber wollte er wissen, warum und auf welche Weise sie zustande gekommen sind, welche Erwartungen sich dahinter verbargen, welche Konsequenzen es hatte. So enthält das Buch die eigenwillige Stadtgeschichte eines Physiognomikers, den aber beileibe nicht nur die Ästhetik, sondern ihre Beweggründe, ihr sozialer, kultureller, ihr geographischer und politischer Hintergrund interessiert hat.

"Selbstverständlich", schreibt der Autor, "ist. Stadtplanung eine Kunst", aber eine, die einer Vielzahl von Bindungen und Bedingungen ausgesetzt ist und nicht zuletzt "menschlichem Verhalten Rechnung tragen" soll. Er spürt den Ursachen der Stadtgestaltung nach, ihren Wachstumsgewohnheiten, und stellt auch die scheinbar simple Frage, was eigentlich eine Stadt zur Stadt mache.

Im Grunde, meint Kostof, gebe es zwei Stadttypen. Der erste sei "die geplante und entworfene Stadt"; ihre Struktur sei eines Tages aufgezeichnet und von einer Autorität verfügt worden, bis ins vorige Jahrhundert habe sie "einem gleichmäßigen geometrischen Diagramm" gehorcht. Der andere Typus sei die "spontan, ungeordnet, zufällig und ‚geomorphologisch‘ gewachsene Stadt", entstanden ohne Planer, ohne Entwurf, nur ihrer landschaftlichen Lage und den Bedürfnissen ihrer Bewohner folgend. Doch selbst für diesen Typ gilt die Erfahrung des Stadthistorikers Kevin Lynch, daß Städte in Wirklichkeit keine Organismen seien; sie wüchsen nicht "von selbst", sondern seien Machwerke, Artefakte.

Spiro Kostof stellt den einen Typus im Kapitel "Organische Strukturen" vor, worin man erfährt, daß auch "das Pittoreske" oft genug geplant sei. Doch das Malerische, darf man bald vermuten, gehört zu den allgemeinen Sehnsüchten der Städtebauer, so sehr, daß sie damit auch die streng geordneten Städte aufzuheitern versuchen, die unter der Überschrift "Das Gitter" abgehandelt werden. Also geschieht es, daß in das rechtwinklig sich kreuzende, Blöcke bildende Straßengeflecht Diagonalen geschlagen werden, graphische Kunst-Figuren, die schon in den großen Parks erprobt worden waren, in Versailles wie in Peterhof. Gitterstädte erlauben, wie man nun weiß, viele Freiheiten, auch die der Prachtentfaltung, der kommerziellen Ausbeutung, der militärischen Gewalt. Nicht zuletzt ist sie voll ästhetischer Verheißungen, wenn es darum geht, Bauten als Symbole zu planen und damit Blickachsen zu formulieren. Das folgende Kapitel beschäftigt sich dann, nicht zufällig, mit den von jeher faszinierenden "Idealentwürfen", ein anderes mit dem "Großen Stil", also mit der großartig inszenierten Stadt, das letzte mit der "Skyline", mit der sich Städte schon immer gern gemalt sahen (und sich heutzutage, da die komponierte Silhouette von Hochhaus-Pulks verrammelt wird, gern photographiert wissen).

Das Buch hat einen Anfang, aber eigentlich kein Ende. Es hört einfach auf. Vielleicht gibt es auch gar keine Konklusion, sondern nur diese Überfülle von Beobachtungen im "Gesicht der Stadt" und dahinter. Es war offensichtlich mühevoll genug, den riesigen Stoff wenigstens halbwegs in eine Ordnung zu bringen – eine Fleißarbeit, die "alles" erwähnen will und dabei Städten und Erscheinungen eine merkwürdige Flüchtigkeit gibt. Das Buch wendet sich ausdrücklich nicht allein an die, bei denen ohnehin ein Interesse vermutet wird, an Architekten und Stadtplaner, sondern vor allem an diejenigen, deren Interesse der Autor erhofft – um sie zwar nicht glanzvoll, aber nach Kräften zu gewinnen mit diesem gut illustrierten Lehr-Lesebuch.