Ich zog den Aschenbecher näher heran, fegte mit meinem Zigarettenstummel die Asche zu einem Hügel zusammen und setzte den Stummel auf die Spitze. Das bräunliche Filtermundstück knickte ab. Es sah einem Stiefel ähnlich, der sich festgetreten hatte. Der Mann neben mir in der Hotelbar drückte seine halb gerauchte Zigarette so aus, als solle die Glut ganz langsam erlöschen. Die abkühlende Hälfte legte er dann hochkant in seinen Aschenbecher und sagte, daß er schon lange nicht mehr zu den Angstrauchern zähle, die den letzten Zug tief in sich hineinsaugten, jetzt genügten ihm vier bis fünf gleichmäßige Züge, und er werfe den halben Rest der Zigarette auch nicht einfach weg, um ihn dann mit den Fingern buchstäblich auszutrampeln. Der Anblick der gepflegten Hälfte im Aschenbecher mache ihm sofort wieder Appetit auf die nächste. Drei Hocker weiter saß eine Frau und rauchte. Das von ihrem Lippenstift dunkelrot gefärbte Mundstück drückte sie dann aber nur flüchtig aus, bläulicher Rauch schwelte um das Mundstück. Der Mann neben mir sagte, daß sehe verführerisch tragisch aus. Die Frau hatte dazu auch gerade das passende Lächeln. Ich steckte mir wieder eine Zigarette an. Meinem Nachbarn ging das zu schnell, er machte es so umständlich, als solle ihm dabei ein besonderer Gedanke kommen. Die erloschene Zigarette mit dem roten Mundstück wollte die Frau im Aschenbecher behalten; schützend hielt sie ihre Hand davor. Der Mixer ließ unsere Aschenbecher dann auch stehen.

Mein Nachbar sagte, ein rotgefärbtes Mundstück stelle er sich öfter in Aschenbechern auf Nachttischen vor, aber darüber habe er noch nie etwas gelesen. Und was habe man nicht schon alles gelesen und gesehen und gehört; er gäbe das alles nachher öfter als persönliches Erlebnis wieder, um sicher zu sein, daß ihm das so auch hätte passieren können. Der Mann legte die halbgerauchte Zigarette neben die andere, vier lagen nun fast in gleicher Höhe und mit gleichem Abstand in dem Aschenbecher. Ich verbreiterte den Aschenhügel in meinem Aschenbecher, um den geknickten Filtermundstücken mehr Platz zu verschaffen.

Die Frau sagte, daß sie noch jemanden erwarte, dessen Flugzeug sich bestimmt verspätet habe. Ich sagte, wie anstrengend Pünktlichkeit sei, und noch niemand habe ausführlich darüber geschrieben, welche Folgen Pünktlichkeit haben könnte und daß die meisten, denen es immer um Pünktlichkeit ginge, furchtbar aufgeregt rauchten. Pünktlichkeit führe in ungezählten Fällen sogar zum Tode. Und danach fing der Halb-Zigarettenraucher neben mir an: "Hier über der Bar hängt Rauch, aber wo steigt im Augenblick keiner hoch, ob gerade Krieg ist oder irgendwas explodiert, geschossen wird heute nacht vielleicht auch noch in der Nähe. Und letzten Endes steigt Rauch immer in den Himmel. Oh Gott." Er rauchte auch diesmal nur halb und legte die andere Hälfte wie einen Leichnam quer unter die anderen. "Eine rauche ich noch", sagte die Frau. Ob ihr Mann denn auch rauche, fragte ich. "Nur wenn alles klappt, raucht er Pfeife", sagte sie, "dann strengt er sich aber die ganze Zeit an, daß sie nicht ausgeht, und es ist und bleibt die Pfeife." Der Barmixer verbarg seine Zigarette unter der gebogenen Hand und sog erst daran, wenn er sich umgedreht hatte. "Da kommt er ja!" rief die Frau und rutschte vom Hocker. Er war es aber nicht.

Der Barmixer stellte ihr einen leeren Aschenbecher hin. Auf meinem Aschenhügel stauten sich die aus Filtermundstücken gestapelten Stummel-Stiefel. Der Mann neben mir zog seinen Aschenbecher so dicht wie möglich zu sich heran; kreuz und quer, aber schnurgerade hatte er seine halben Zigaretten hingelegt und aufgeschichtet; ein Massengrab, schwarz angestaubt, über das er noch seine Hand hielt und wartete.