Von Gerhard Nurtsch

Schüler an weiterführenden Schulen der Türkei haben nur ein Ziel: viele Punkte zu sammeln und einen Studienplatz zu ergattern. Vor mir sitzen 4 von 57 000, die allein in Istanbul an der alles entscheidenden Uniaufnahmeprüfung teilgenommen haben. Die Anspannung der letzten Wochen und Monate steht Mine und ihren Freunden noch in den Gesichtern geschrieben. Etwas aufgedreht erzählen sie von der Dauerbelastung während des letzten Schuljahres und dem Prüfungsstreß. "Eigentlich sind es zwei Prüfungen. Die erste ist nur Vorentscheidung. Aber die zweite hat es in sich. Zweihundert Fragen müssen in vier Stunden beantwortet werden. Mathe und Türkisch sind die Hauptfächer. Die richtigen Antworten müssen blitzschnell angekreuzt werden. Zum Nachdenken bleibt da keine Zeit."

Wer in einer Großstadt wie Istanbul wohnt, hat es noch gut, weil die Prüfung am Wohnort abgehalten wird. Wer dagegen in kleineren Städten zu Hause ist, muß eine Reise antreten, die Hunderte von Kilometern lang sein kann. Aber nach elf Schuljahren ist kein Weg zu weit, um in einer der drei Fachrichtungen (Naturwissenschaften, Sprachen, Sozialwissenschaften) den Sprung in die Uni zu schaffen.

Die Punktzahl entscheidet nicht nur über das Studienfach, sondern auch über den Studienort. Gökce hat ihr Wunschfach "gewonnen", wie es wörtlich übersetzt heißt. "Na, ja – fast." Warum? "Ich muß, obwohl ich in Istanbul wohne und hier meine Familie habe, nach Adana. Für Istanbul haben meine Punkte nicht ausgereicht. Adana liegt im Südosten der Türkei, knapp tausend Kilometer von Istanbul entfernt."

Punkte bestimmen das türkische Schulsystem, und auch das weitgehend verschulte Hochschulsystem kommt ohne jährliche Punktbewertung nicht aus. "Punkte gewinnen" heißt es schon in der Grundschule, denn für den Übergang zur Sekundärschule, dem lise, zählen ebenfalls die Ergebnisse umfangreicher Multiple-choice-Tests. Ist der landesweit einheitliche Termin dieser Prüfungen vorüber, wartet die ganze Familie mit Bangen, bis die Zeitungen die Ergebnisse bekanntgeben: Wie viele Punkte waren für welche Schule nötig oder für welches Fach an welcher Universität? Vor dem Hintergrund hoher Arbeitslosigkeit entscheiden diese seitenlangen Zahlenkolonnen über Glück und Tragödie in vielen Familien.

Eine meiner Gesprächspartnerinnen berichtet: "Nach der stundenlangen Prüfung kam ich mir vor wie ein Fisch, der aufs Land geworfen wurde. Mein Vater hielt auf dem Weg nach Hause an einem freien Grundstück. Ich mußte erst mal aussteigen, mich mitten auf den Platz stellen und so laut ich konnte schreien. Irgend etwas Verrücktes. Ich brauchte das."

Während der letzten Klasse des Gymnasiums besuchen alle Schüler ohne Ausnahme zusätzlich zur Schule Vorbereitungskurse, weil der im Unterricht vermittelte Stoff bei weitem nicht ausreicht, um den Sprung zur Universität zu schaffen. Die Anzahl der Schüler, die diese Kurse sogar zwei Jahre lang besuchen, nimmt zu. Die Konkurrenz ist groß. Nur jeder vierte hat die Chance zu studieren. "Im letzten Jahr wußte ich manchmal nicht, was für ein Wochentag ist. Von Montag bis Freitag Schule, samstags und sonntags ging ich jeweils fünf Stunden zur dershane, zum Vorbereitungskurs. Auch hier gibt es natürlich eine Menge Hausaufgaben."