Von Nina Grunenberg

Sein Auftreten läßt zunächst nicht darauf schließen, daß er ein mächtiger Mann ist. Er wirkt zurückhaltend, fast scheu und so privat wie ein Gelehrter aus dem Bereich der schönen Künste, nicht wie ein Physikprofessor, der er von Hause aus ist. Kaum ein Gesprächspartner könnte liebenswürdiger sein, auch nicht zuvorkommender – seltene Eigenschaften für einen Politiker, der seit 1984, mit zweijähriger Unterbrechung, französischer Forschungsminister ist und damit auch für die Weltraumpolitik zuständig.

Nichts sei ihm mehr zuwider, heißt es von ihm, als sich Feinde zu machen. Um so erschrockener reagieren deshalb auch seine europäischen Kollegen, wenn Hubert Curien dann und wann aus heiterem Himmel Turbulenzen entfacht, die sich keiner erklären kann. Erst letzte Woche gelang ihm das wieder, als er zwei Wochen vor der Weltraumkonferenz in Granada wissen ließ, über das Programm müsse noch einmal neu nachgedacht werden.

In der europäischen Weltraumpolitik spielen die Franzosen seit eh und je die Schlüsselrolle. Von Anfang an waren sie die Antreiber, die die übrigen Europäer mit ihren Visionen für eine technologische Zukunft im All anfeuerten. Daß sie sich mit den Kürzungen im Weltraumbudget, von den Deutschen für besonders notwendig gehalten, einverstanden erklärt hatten; erleichterte alle Beteiligten gleichermaßen. Verzichtet wurde in erster Linie auf das Startsignal für den Bau des Raumgleiters Hermes. Nachdem das beschlossen war, hatte niemand mehr mit Einsprüchen gegen das sorgfältig komponierte, mühsam austarierte Sparprogramm gerechnet, um das sich die dreizehn Mitgliedsstaaten der Esa (European Space Agency) seit einem Jahr bemühen.

Nun ist die Unsicherheit groß. Was will Curien wirklich? Geht es ihm nur um französische Interessen? Im kommenden März finden die Wahlen zum französischen Abgeordnetenhaus statt. Keiner glaubt mehr, daß die sozialistische Regierung sie überleben wird. Will Curien die "Denkpause", um nichts mehr entscheiden zu müssen? Oder bewegt ihn die Frage, wie die ums Geld verlegenen Europäer im Weltraum zu neuen Kooperationen kommen können – mit den Amerikanern, mit den Russen, mit den Japanern?

Von seinen Pariser Professoren-Kollegen wurde Curien stets für "sehr, sehr clever" gehalten. Niemand könnte sich die Aufregung, die er selber verursachte, gelassener ansehen als der 69jährige Elsässer. Sein Amtssitz liegt im Sorbonne-Viertel, hinter dem Pantheon, in den ehemaligen Gebäuden der Ecole polytechnique. Aus dem alten Amtszimmer des Kommandeurs blickt Curien auf eine Welt, in der sich nichts zu verändern scheint. Die intellektuelle Elite Frankreichs ist hier zu Hause. Auch Curien begann hier als junger Professor seine Laufbahn.

Vorlesungen über Kristallographie, sein Spezialgebiet, hielt er noch, als er längst Minister war. Aber mehr noch als die Forschung interessierte ihn zeit seines Lebens ihre Organisation und ihre Förderung. In der Universität wurde er schnell zum Sprecher der Physiker und stieg dann Schritt für Schritt die Leiter "im System" empor. Er wurde wissenschaftlicher Direktor für den Bereich der Physik am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS), der französischen Forschungsorganisation, drei Jahre später ihr Chef. 1973 ernannte ihn der Ministerpräsident zum Staatssekretär für Forschung und Technologie (Délégué General), dem Vorläufer des damals noch nicht existenten Forschungsministers.