Ein Theater-Tod, wie ihn ähnlich Molière 1673 erlitten hat. Am Abend des 29. Oktober steht im Royal Opera House London auf dem Programm die Premiere einer Wiederaufnahme: "Mayerling" heißt das abendfüllende Ballett zur Musik von Franz Liszt, das der einstige Direktor und noch immer Chef-Choreograph des Royal Ballet, Kenneth MacMillan, 1978 für dieses Theater geschaffen hat. Tänzer und Zuschauer sind noch ganz im Bann des melodramatischen Handlungs-Balletts, das mit dem Doppelselbstmord des österreichischen Kronprinzen Rudolf und seiner Geliebten Maria Vetsera endet. Jetzt müßte, nach den Hauptdarstellern dieses Todestanzes, Viviana Durante und Irek Mukhamedov, der 62jährige Choreograph vor den Vorhang treten. Ins Scheinwerferlicht tritt der Operndirektor Jeremy Isaacs und teilt mit, während der Aufführung sei Sir Kenneth hinter der Bühne einem Herzanfall erlegen.

So stirbt in den Kulissen des Hauses, dem er von 1948 bis 1952 als Tänzer, von 1953 bis 1965 als Choreograph, von 1970 bis 1977 als Direktor angehört hat, der Künstler, dem Isaacs nachrühmt, ihm sei es "gelungen, eine neue Tanzsprache und immer neue Bewegungen zu erfinden, die nicht nur schön, sondern auch bedeutungsvoll waren. Seine zweite Stärke lag in der Überzeugung, daß es keine menschliche Erfahrung gibt, die nicht auch im klassischen Ballett dargestellt werden könnte."

Der 1929 im schottischen Dunfermline geborene MacMillan ist immer den Idealen des klassischen Balletts treu geblieben, sosehr er früh versucht hat, die starren Formen der Tradition zu erweitern in Richtung auf wahren Körperausdruck, moderne Realität. Sein letztes, viele Engländer schockierendes Ballett wird nun das im März uraufgeführte Tanz-Drama "The Judas Tree" (Der Judas-Baum) bleiben – ein wüstes Szenario vom Bandenkrieg in den Docklands, mit der Vergewaltigung einer jungen Frau durch eine ganze Männerhorde, mit der Ermordung des Opfers, dem Selbstmord des Verräters, der sich wie Judas an einem Ast erhängt – und mit der bei MacMillan auch immer wieder erscheinenden (Christus?-)Figur des sanften, leidenden Mannes.

Dabei sind es Frauen, aufsässige Mädchen, deren Schicksal den Choreographen besonders angeregt haben: "The Burrow" (1958, nach dem Tagebuch der Anne Frank), "Las hermanas" (1963, nach García Lorcas "Bernarda Albas Haus"), "Anastasia" (1967, über das Schicksal der jüngsten, dem Massaker entkommenen Tochter des Zaren), "Manon" (1974), "Isadora" (1981).

Deutschland hat dem schottischen Tanz-Künstler viel zu verdanken. Neben dem früh gestorbenen John Cranko galt MacMillan als die andere große choreographische Begabung in der Nachfolge von Frederick Ashton. Als Cranko Anfang der sechziger Jahre nach Stuttgart ging und mit und um Marcia Haydée ein bald berühmtes Ensemble aufbaute, holte er bald den Konkurrenten und Freund als Choreographen nach. Von 1966 bis 1969 war MacMillan dann Ballett-Direktor an der Deutschen Oper in Berlin – und hat gestöhnt unter der Enge der nicht nur durch "die Mauer", sondern mehr noch durch den Biedersinn des Publikums und durch die unkünstlerische Mentalität der Bühnen-Beamten begrenzten, einstigen Weltstadt. Endgültig genug von Deutschland hatte er, als Münchner Orchester-Musiker sich 1988 weigerten, unter Hinweis auf ein Arbeitsrechts-Gesetz aus Nazi-Zeiten, die als "unernst" geltende Musik des schwarzen Ragtime-Komponisten Scott Joplin (1868-1917) für das Ballett "Elite Syncopations" auch auf der Bühne zu spielen.

Eines von MacMillans eindringlichsten Balletten, "Valley of Shadows" (1983, nach Bassanis Roman "Die Gärten der Finzi-Contini"), wagt sich an das für die Tanz-Kunst heikle Thema der Judenverfolgung und KZ-Folter. Nun ist der schöne Titel des Werks für seinen Schöpfer wahr geworden: Aus seinem Theater ist Kenneth MacMillan abgegangen ins Tal der Schatten. R. M.