Von Wend Kässens

Destruktion als Konstruktion: Larries Welt, aus dem Zusammenhang von Wort und Bedeutung gerissen, von Sein und Zeit, von Vernunft und Gefühl konstituiert sich neu und häufig gegen die Logik der Erwartung, vom ersten Satz an: "In meinen Freizeitkleidern fühlte ich mich stets wie auf einer Maskerade." Der Held und Ich-Erzähler, auf den nur gelegentlich mal der Autor herabblickt, ist ein Geheimdienstmann, und schön deshalb kommt für ihn ein extravaganter Bugatti als fahrbarer Untersatz nicht in Frage. Er muß sich mit dem profanen Rezina, allerdings in der Cabrio-Version, begnügen – und mit dem Bugattini-Likör, den er jedoch leidenschaftlich gerne trinkt. Seine Frau Carla, Pflegekraft in der Bäderabteilung des Krankenhauses, erliegt gleich zu Beginn des Buches einem Arbeitsunfall, ein Patient ertränkt sie während der Unterwassermassage, ohne Absicht, wie die Krankenschwester versichert. Und Larrie heißt gar nicht Larrie, weil das nur der Deckname ist für sein Leben als Bauingenieur an der Seite Carlas, die er gerade verlassen will, muß, um Lynch zu werden, was dann kein Deckname mehr wäre, sondern sein Name in einer neuen Existenz. Auch hier ist er Ingenieur, wie er der Anmeldung in der Pension entnimmt, in der er auf seine Operation wartet, die ihm das neue Gesicht zum neuen Namen verpassen soll.

Eine Maske ist eine Maske ist eine Maske – Jochen Beyses achtes Buch, wenn man von seiner Doktorarbeit über Siegfried Kracauers Schriften zum Film absieht, ist ein raffiniertes Spiel mit dem Imaginären, der Versuch, Analogieschlüsse des Lesers zu hintergehen, sie zu verhöhnen oder zu deformieren, "weil die Analogie einen Natureffekt impliziert: sie konstituiert das ‚Natürliche’ als Quelle der Wahrheit", wie der französische Semiologe Roland Barthes, dem Beyse nicht nur über die Lust am Text verpflichtet ist, den Widerspruch benennt.

War Beyses letztes Buch, der "Bericht Unstern", ganz auf die Darstellung einer verstädterten apokalyptischen Zivilisation aus, so ist "Larries Welt" die Fortsetzung der Tragödie als Farce. Hier geht alles darum, im Bild zu sein – Fernsehen, Kino, Video, Photos und Spiegel sind allgegenwärtige Projektionsflächen, Spiegelkabinette als Wunschmaschinen, die jede Leere füllen, immer neue Bilder auf die Bilder, Träume auf die Träume legen, permanent für Wiedererkennung sorgen und längst jeden Bezug zum Original, zur Wirklichkeit verloren haben – ja, jede Gegenwart aussparen. Larries Flucht von einer Existenz in die nächste ist lediglich ein Programm Wechsel in der Wiederholung des immer Gleichen, in der Geschichte und Zukunft als Erinnerung und Vision ineinanderfließen und nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.

Beyse legt Larries Welt in drei Büchern dar. Im ersten, "Larries Welt", erfahren wir von seiner Enttarnung, von Carlas Tod und einem vorsichtigen Neubeginn als Lynch mit Fredda. Denkt er an Carla, kommt ihm Fredda – "Dieser Name!" – in den Sinn, "das Hin und Her liegt an den Orten und Zeiten, die mir durch den Kopf laufen wie Billardkugeln". Die Tage vergehen beim Spiel "Westfront" mit Freddas Familie, natürlich beim Fernsehen und da insbesondere bei der mit Freddas Vater geteilten Begeisterung für das "Trans America Ultra Quiz" mit dem beliebten Quizmeister Boulle. Ausgerechnet am Tag der Heiligen, der am 8. Mai begangen wird (sollten wir uns bis hierher in der DDR befunden haben? Der Tag der deutschen Kapitulation wurde nur in der DDR gefeiert, als Tag der Befreiung) muß Larrie/Lynch zur Gesichts- beziehungsweise Nasenoperation in die Klinik, um als ein anderer entlassen zu werden.

Angst vor den Schergen seiner "Organisation" bringt ihn auf die Idee, sein neues Gesicht ins Bild zu rücken. Die Teilnahme an Boulles Ultra Quiz würde sein neues Gesicht bekannt machen und ihn vor Ermordung schützen, die bei einem Unbekannten mit neuer Identität kein Problem sein würde. Im zweiten Buch, "Von Passos nach Rasa", nimmt Larrie die Hürden der Vorausscheidungen für den Endkampf, der dann – im dritten Buch, "Larries Kampf" – in Südostasien auf einer Insel der "Samowaren" stattfindet, ein brutales fernöstliches Wüstenkriegs-Szenario mit Lebensgefahr für die Beteiligten, selbstverständlich weltweit live auf dem Bildschirm. Der Schluß zeigt Larrie im Hotel, wie er den Fernseher abdreht, aus dem Bett aufsteht und sich in seine Ausgehsachen wirft.

So stringent läuft Beyses Roman nicht ab. Wie schon in früheren Büchern überlagert er die Story durch assoziatives Räsonieren quer durch die Geschichte von Philosophie, Psychoanalyse und Literatur. Man ahnt Nietzsche und Heidegger, Lacan und Barthes, Pynchon, Kirchhoff und andere. Im ironischen Vexierspiel einer umfassenden Simulation medialer Existenzen können auch Philosophie, Psychoanalyse und Literatur nur noch in ihren Surrogaten und Schlagworten aufscheinen. Die Metaphern wuchern und zerfallen so schnell, wie sie entstanden sind, die Bilder flackern wie auf dem Bildschirm, und Beyses sprachlicher Kunstfertigkeit gelingt es im wahren Wortsinn spielend, die Filmsequenzen so ineinanderfließen zu lassen, daß wir uns zwischen den labyrinthischen Ebenen des Geschehens aus Tief- und Un-Sinn nicht mehr zurechtfinden und, wie die Computermännchen gängiger Simulationsspiele, verzweifelt und letztlich vergeblich strampelnd mitzukommen versuchen.