STUTTGART. – Schluß, vorbei, nun ist es endgültig: Aus dem Iga-Turmbau wird nichts. Wenn in einem halben Jahr die Iga-Expo ’93, wie die langgeplante Internationale Gartenbauausstellung heißt, in der Landeshauptstadt eröffnet wird, dann wird das einzige Glanzlicht von internationalem Rang fehlen. Die Attraktion wäre ein vierzig Meter hoher Turm gewesen, an dessen Mittelpylon einer Fischreuse ähnlich eine bisher weltweit einzigartige Seilnetzkonstruktion hängen sollte, mit zwei weit ausschwingenden Wendeltreppen und vier Aussichtsplattformen darin. Im Rahmen des Iga-Wettbewerbs war der Entwurf des Stuttgarter Ingenieurs Jörg Schlaich noch preisgekrönt worden. Doch dann merkte der Gemeinderat, daß die Finanzplaner der Stadt sich übernommen hatten. Und da sich trotz intensiver Suche im armen Schwabenland auch kein zahlungswilliger Sponsor fand, wurde der Turm kurzerhand geopfert.

Dabei wäre Stuttgart, wenn man es genau betrachtet, geradezu preisgünstig zu diesem Meister werk der Ingenieurbaukunst gekommen. Der Konstrukteur Jörg Schlaich, der sich durch seine Stadionbauten in Riad, Hängebrücken in New York und Kalkutta und seine Aufwindkraftwerke in Spanien längst weltweit einen Namen gemacht hat, hatte den Aussichtsturm eigens für die Iga entworfen. Kosten sollte er zwei Millionen Mark, einen ganz schönen Batzen also. Einen Klacks jedoch nur im 260-Millionen-Etat der Gartenschau. Vor allem wenn man den Iga-Schwabenstreich bedenkt, über den in Stuttgart eigentlich niemand mehr lachen mag: Allein 34 Millionen Mark wurden nämlich in eine höchst umstrittene Schwebebahn investiert, die wieder abgebaut werden soll, sobald sie die Iga-Besucher fünf Monate lang über das Ausstellungsgelände hin-, weggeschoben haben wird.

So vergänglich wäre der Turm nicht. Und anders als die vielen Rosen, Tulpen und Nelken würde er auch nicht welken. Nein, er hätte nicht nur der Höhe- und Aussichtspunkt beim IGA-Spaziergang aus dem Talkessel der Stadt hinauf auf den Killesberg werden sollen. Auch nach der Gartenbau-Ausstellung wäre der Turm als luftiges Aussichtserlebnis erhalten geblieben.

Eine Hoffnung gibt es noch. Nun kratzt nämlich der Stuttgarter Verschönerungsverein seine Kröten zusammen, um den Turm doch noch zu finanzieren. Der Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Stadt attraktiver zu machen, spielt mit dem Gedanken, eigene Grundstücke zu verkaufen und den Erlös für den Turmbau zur Verfügung zu stellen. Zwar könnte das filigrane Schmuckstück bis zur Eröffnung der Gartenschau auf keinen Fall mehr fertiggestellt werden, aber der Verschönerungsverein hat angeregt, während der Iga mit dem Bau zu beginnen, als Demonstration sozusagen.

Dem Konstrukteur wird angesichts des ganzen Theaters schon mulmig. Zwar hat Schlaich "für die scheußliche Schwebebahn überhaupt kein Verständnis", und außerdem würde er sich als Schwabe freuen, wenn der Turm in Stuttgart gebaut würde, und daß der Gemeinderat sparen muß, sehe er ein. "Schließlich ist der Turm ja auch nicht so ein welterschütterndes Ding", meint der Ingenieur.

Ähnlich denkt inzwischen die Lokalpresse. Während die Stuttgarter Zeitung bisher in der Turm-Diskussion fleißig mitgemischt hat, sieht sie die Debatte nun an der Grenze zum Ärgernis: "Wer im Rathaus die Sitzungen des Ausschusses für Umwelt und Technik verfolgt hat, der müßte den Eindruck gewinnen, die alles bewegende Schicksalsfrage dieser Stadt lautet: Wie bauen wir den Iga-Turm?"

Wir bauen ihn gar nicht, hat die Stadt nun also entschieden, und schon muß sie feststellen, daß die Konkurrenz nicht schläft. Denn mittlerweile hat Cottbus in Brandenburg Interesse an dem Aussichtsturm bekundet.

Zum Glück bleibt den Stuttgartern ihr berühmter Leonhardtscher Fernsehturm. Auf den können sie mit dem Lift in Sekundenschnelle hinaufschweben und dann auf ihr schwäbisches Igäle hinabschauen. Katja Marx