Als der savoyardische Offizier Xavier de Maistre (der kleine Bruder von Joseph de Maistre) im Jahre 1789 wegen eines Duells für ein paar Wochen unter Hausarrest gestellt wurde, schrieb er aus lauter Langeweile ein wunderbares Büchlein: "Die Reise um mein Zimmer". Die Sache wurde ein ziemlicher Erfolg, so daß der Zufallsautor noch eine Fortsetzung hinterherschickte: "Die nächtliche Reise um mein Zimmer" – beide Reisen übrigens, übersetzt von Karl Bindel und in einem Band vereinigt, sind seit kurzem wieder bei Reclam Leipzig für sieben Mark zu haben.

Ist aber nicht die Sache, um die es hier geht. Obwohl, und daher der Grund der Erwähnung: Es ist vielleicht das Vorbild für das, um das es hier geht. Denn "Doktor Dodos Weltreise", so heißt das Bilderbuch des jungen Ole Könnecke, führt auch nicht weiter als die des Offizier de Maistre vor zweihundert Jahren: einmal ums Zimmer.

Wer aber ist Doktor Dodo? Ist es Ole Könnecke selber? Ole Könnecke wurde, wie uns der Verlag mitteilt, 1961 in Hamburg geboren, studierte Germanistik, mußte deshalb viele Comics lesen und wurde so zum Künstler. Zwei Kinderbücher hat er bisher gemalt und gedichtet, in Schweden dafür auch schon einen Preis bekommen.

Doktor Dodo dagegen, und es zeigt sich, daß er mit dem Autor nicht identisch sein kann, hat allem Anschein nach nie Germanistik studiert und ist überhaupt ein kleiner dicker Vogel, der aber statt Flügeln zwei ganz normale Arme hat und deshalb auch nicht fliegen kann. Er sitzt in seinem komfortablen Käfig auf einer Kommode – genauer: Er sitzt in einem wunderbaren winzigen Sessel neben einem winzigen Bücherschrank in seinem Käfig auf einer Kommode und nimmt übel. Langweilt vor sich hin, wie Xavier de Maistre vor sich hin gelangweilt hat, bevor ihm der geniale Einfall mit der Reise kam. Und der kommt schließlich auch Doktor Dodo.

In voller Reisemontur, mit Tropenhelm und einem Rucksack voller Forschungsgerät, seilt er sich aus seinem Käfig ab und zieht los: einmal um die Welt, quer durch die Wohnung. Und wie immer, wenn man der Phantasie Flügel wachsen läßt, verwandelt sich die Welt in ein sonderbares Gelände voller unerklärlicher Phänomene und rätselhafter Überraschungen. Das Aquarium wird zum Ozean und der Sessel zum Felsmassiv, und durch den Regenwald der Topfpflanzen kämpft Doktor Dodo sich weiter bis zu den nackten Kachel-, äh, Eiswüsten des Badezimmers.

Welch phantastische Abenteuer die Phantasie doch bietet! Und wer ihr, zum Beispiel mit diesem munteren Büchlein, schon von klein auf, sagen wir ab vier, ein bißchen Flugunterricht gibt – ja, dem wird zumindest eines nie passieren: daß er sich, nach einem Duell unter Hausarrest gestellt, langweilt. Benedikt Erenz

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