Von Wolfgang Ruppert

Deutschland, Deutschland über alles! ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist. Warum überhaupt Deutschland, frage ich. Wenn es nicht etwas will, vertritt, darstellt, das mehr Wert hat." Der Autor dieses kritischen Kommentars, Friedrich Nietzsche, erfaßte ein Defizit der dynastischen Gründung des kleindeutschen Nationalstaates von 1871, die vom alleinigen Ziel der Herstellung der nationalen Einheit bestimmt war. Geistige Inhalte, wie sie mit dem bürgerlichen Selbstverständnis als Kulturnation tradiert wurden, gerieten bald in Spannung zu jenen hohlen nationalistischen Phrasen, mit denen die Identität "der Deutschen" überhöht wurde. Das Pathos der militärischen Siege, später in den Sedanfeiern zelebriert, die Glorifizierung von Macht und Stärke, schließlich nationale Überheblichkeit, gemischt mit rassistischen Tönen, und wachsende Eroberungslust waren verhängnisvolle Folgen dieser Konstellation.

Daneben konstituierte sich mit der sozialdemokratischen Bewegung eine zweite politische Kultur in Deutschland, die demokratische Entscheidungsprozesse in der Politik mit Gleichheit der Entfaltungschancen anstrebte und der Klassengesellschaft den Kampf ansagte. In diesem Kontext entstand auch ein anderes Verständnis von nationaler Identität, von Patriotismus und deutscher Einheit. Ihre Führer betrachteten sich mit gutem Grund als die besseren Sachwalter der Nation.

Zur rechten Zeit haben es Dieter Groh, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Konstanz, und Peter Brandt, Professor an der Fernuniversität Hagen, unternommen, in einer chronologisch aufgebauten Längsschnittdarstellung den Auffassungen von Nation in der deutschen Sozialdemokratie nachzugehen. Ziel der Autoren ist es darzustellen, wie die sozialdemokratische Partei in den rund 130 Jahren ihrer Geschichte mit dem immer wiederkehrenden Problem der Nation als einem Gegenstand praktischer Politik umgegangen ist.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Groh hat die Zeit bis 1918 bearbeitet, Brandt die von der Gründung der Weimarer Republik bis zur Wiedervereinigung 1990. Belegt wird die These, daß es einen spezifischen sozialdemokratischen Patriotismus gab, der sich bereits mit dem deutsch-französischen Krieg 1870 um die Frage der Legitimität eines Verteidigungskrieges bildete, der prinzipiell aber auf den Ausgleich mit anderen Völkern angelegt war, die Zusammenarbeit mit den Sozialisten anderer Nationen anstrebte und somit die Loyalität zur eigenen Nation mit der zur internationalen Arbeiterklasse zu verbinden suchte.

Es entsteht ein differenzierender Überblick über die Debatten der Parteiführer und sozialdemokratischen Autoren, der zugleich die längerfristig tradierten Grundpositionen sichtbar macht. Daß sich in den schriftlichen Quellen auch verbreitete Auffassungen der Parteibasis spiegeln, ist anzunehmen, wenngleich beide Ebenen nicht identisch sind. Es wäre zweifellos reizvoll gewesen, neben diesem stark ideengeschichtlichen Zugriff die gerade beim Gegenstand der Nation so entscheidende Dimension der Mentalitäten und Gefühle zu erforschen.

Die erste Generation der sozialdemokratischen Parteiführer erlebte die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 im Gefängnis. Sie hatten sich in der Kontinuität der 1848er-Bewegung seit Beginn ihrer politischen Betätigung für den nationalen Einheitsstaat eingesetzt, in der Folge des Krieges gegen Frankreich und der daraus resultierenden Konstituierung des Deutschen Reiches als Nationalstaat vollzog sich jedoch endgültig die Scheidung der bürgerlich nationalen Bewegung und der Arbeiterbewegung. Erwiesen sich die Hoffnungen des nationalliberalen Bürgertums mit der Reichsgründung als weitgehend erfüllt, so spitzte sich demgegenüber der Konflikt der Sozialdemokratie mit den herrschenden Mächten nach dem Sieg der deutschen Truppen in der Schlacht von Sedan zu. Solange der Krieg als Verteidigungskrieg angesehen werden konnte, war er mitgetragen worden. Doch als sichtbar wurde, daß nun Eroberungsziele verfolgt wurden, verweigerten führende Repräsentanten wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht jede weitere Unterstützung und wurden am 17. Dezember 1870 wegen versuchter "Vorbereitung des Hochverrats" verhaftet. Als sie schließlich ihre Solidarität mit der Pariser Commune erklärten, wurden sie im Leipziger Hochverratsprozeß verurteilt. Bald zählte der Topos von den "vaterlandslosen Gesellen" zu den die Sozialdemokratie stigmatisierenden Parolen.