Von Fritz J. Raddatz

Ein Philosophie-Krimi. Isaiah Berlin ist es gelungen, in kunstvoller Variation seines Kant-Mottos – "Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts Gerades gezimmert werden" – Leitlinien durch die europäische Ideengeschichte zu ziehen, die von verblüffender Prägnanz und geradezu erschreckender Aktualität sind; es sind Überlegungen zur politischen Philosophie, die er kurzerhand "nichts anderes als die Anwendung der Ethik auf die Gesellschaft" nennt.

Sein Ausgangspunkt ist die profunde Skepsis gegen das Streben nach dem Ideal. Die Utopie, irgendwann könnten oder sollten Menschen die große harmonische (klassenlose?) Gesellschaft errichten, wird unpolemisch verworfen. Berlin sieht das utopische Denken als eine Art Treibsatz, ein Ferment; gegen die – notwendig rigoristische – Verwirklichung meldet er radikale Bedenken an: "Aber in einer solchen Gesellschaft hat das Innere des Menschen, seine moralische, seine geistige, seine ästhetische Phantasie keine Stimme mehr. Soll man hierfür Menschen vernichten und ganze Gesellschaften versklaven? Utopien haben ihren Wert [...], aber als Handlungsanweisungen können sie eine buchstäblich tödliche Kraft entfalten."

Für den 83jährigen jüdischen Sozialphilosophen, in Riga geboren und seit Jahrzehnten in England lebend, von 1974 bis 1978 Präsident der Britischen Akademie der Wissenschaften, liegt in der Suche nach dem Vollkommenen immer auch die Gefahr des Blutvergießens – auch wenn die Suchenden die aufrichtigsten Idealisten sind. Mit der souveränen Bildung "eines der letzten Repräsentanten des europäischen Geistes" (wie ihn Le Monde nannte) führt er den nicht nur historischen und politischen, sondern auch logischen Irrtum etwa des römischen Rechts vor, das universelle Autorität beanspruchte – und außer acht ließ, daß etwa Franken, Kelten, Skandinavier dieses Oktroi nicht akzeptieren konnten: "Aber warum sollten Franken, Germanen, Abkömmlinge der Wikingerpiraten die Vorherrschaft eines universellen, fremden Rechtskodex akzeptieren? Andere Nationen, andere Wurzeln, andere Gesetze, andere Menschen, andere Gemeinschaften, andere Ideale. Jede Nation hat ihre eigene Lebensweise." Man muß die Namen der Völker nur austauschen, und schon sind wir mitten in der Situation und den Debatten des auslaufenden Jahrtausends.

Da liegt das Anregende des Buches, das ja zumeist vor vielen Jahren publizierte Aufsätze zusammenfaßt: Wenn Berlin den Kulturbegriff von Giambattista Vico (und des ihm geistesverwandten Johann Gottfried Herder) untersucht, liest sich das wie unmittelbares Eingreifen in aktuelle Diskussionen. Für beide Denker bestand die Geschichte der Menschheit aus einem Panorama so vielfältiger wie unterschiedlicher, gar unvereinbarer Lebensformen, die aber ihren Wert an sich haben; sie sind also nicht jeweils Vorstufe oder höher entwickelte Stufe – ob Azteken oder Weimarer Klassik –, sondern eigenständiger Ausdruck von Verhalten, Bildwelt und Ideenentwurf. Ob Mythen der Urvölker oder Gleichnisse von Indios: Das sind nicht Unsinn oder Geistesverwirrung unvernünftiger, kindlicher Barbaren, sondern je ein eigener kultureller Kosmos: "Jede Kultur drückt sich in Werken der Kunst und des Denkens aus, in Lebens- und Handlungsweisen, von denen jede ihren eigentümlichen Charakter besitzt; diese Charaktere lassen sich nicht miteinander verbinden, und sie bilden auch nicht unbedingt Stufen innerhalb einer umfassenden Fortschrittsbewegung hin auf ein einziges, universales Ziel." Dieses Konzept eines kulturellen Pluralismus war nicht nur geradezu revolutionär zur Zeit Vicos und Herders – es ist vielmehr prägend bis zu den emphatischen Auseinandersetzungen unserer Tage; von den Basken bis zum Balkan.

Mit kühlem Blick sieht Isaiah Berlin die möglichen Gefährlichkeiten dieses kategorialen Systems. Er wägt zwei gegeneinander ab: Einerseits scheint es zwangsläufig, daß alle großen Befreiungsbewegungen – von der Französischen Revolution bis zu Lenin – ohne utopischen Impuls nicht "funktionieren"; ihr Versuch, überkommene Dogmen und gesellschaftliche Verkrustungen aufzubrechen, macht sie blind gegen die Vorzüge dessen, was sie attackieren. Die Leistungen der Aufklärung im Kampf gegen Obskurantismus, feudale Unterdrückung und Irrationalismus führten zugleich zur Guillotine und zu Napoleons räuberischem Imperialismus. Der marxistische (von aufklärerischen Ideen getragene) Kampf gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unfreiheit führte zugleich zu Stalins Gulags und Mielkes Bautzen. Der Bildersturm hat viele Namen, ob Autun oder El Lissitzky.

Nun aber andererseits: Die Einsicht, daß es viele und vielfältige Kulturen gibt und die menschliche Zivilisation nicht als eine lineare, mal ansteigende, mal absinkende Bewegung begriffen werden sollte, auch nicht als eine dialektische, "in deren Verlauf die Gegensätze sich immer wieder in einer höheren Synthese lösten", führte auch zum Aufkündigen von Normen. Die Verabschiedung der Idee von einer objektiven Wahrheit zugunsten eines Kults der Vielfalt bildet, wie Berlin nachweist, den Kern der deutschen Romantik. Ihr leidenschaftlicher Glaube an die geistige Freiheit und individuelle Kreativität führt im Ästhetischen zum "Selbstausdruck der eigenartigen und einzigartigen inneren Vision des Künstlers", im Politischen zum Kult des "Großen Mannes", dem jeglicher Code fremd und Verrat erlaubt ist, und im Historischen zum Nationalismus.