Von Heinz Halm

Seit einigen Jahren erst sind Mauretanien, Dschibuti und Somalia Mitglieder der Arabischen Liga. Was macht die Völker dieser Staaten zu Arabern? Ihre Herkunft? Ihre Sprache? Ihre Religion? Oder einfach ihr Gefühl und ihr Wille, zur arabischen Welt dazuzugehören? "Ihre Aufnahme in die Liga war ein Zeichen für die Vieldeutigkeit des Begriffs ,arabisch‘", konstatiert Albert Hourani, und um diesen vieldeutigen Begriff kreist sein ganzes Buch. Eine "Geschichte der arabischen Völker" – im Plural – hat er es betitelt; ein arabisches Volk – im Singular – kommt darin nicht vor, der Begriff der Arabischen Nation nur als Postulat einer bestimmten historischen Epoche, die schon wieder der Vergangenheit angehört. Es ist vielmehr eine "Geschichte der arabischsprechenden Teile der islamischen Welt", oder, präziser, "der Länder mit Arabisch als wichtigster Sprache".

Die Sprache ist denn auch das einzige Medium der Integration all derer, die sich als Araber fühlen – auch der orientalischen Christen. Nicht zufällig läßt Hourani seine Geschichte mit der Entstehung der altarabischen Dichtung beginnen: Die gemeinsame Sprache ist schon da, noch ehe der Islam auf der historischen Bühne erscheint, der zwar die Religion der Mehrheit, nie aber der Gesamtheit der Araber werden sollte.

Man könnte das Fragespiel, wer denn ein Araber sei, bei der Person des Autors selbst beginnen. 1915 wird er in Manchester als Sohn eines christlichen libanesischen Industriellen geboren und wächst in England auf. Der Familienname weist über den Libanon hinaus weiter zurück auf ursprünglich syrische Herkunft der Familie: auf den Haurän, die Landschaft südlich von Damaskus. Seine Lehrtätigkeit beginnt er an der Amerikanischen Universität Beirut; als Brite im Krieg im Armeehauptquartier in Kairo eingesetzt, wird er dann nach Oxford berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1979 lehrt.

Hourani hat das Buch seinen Kollegen und Studenten am Oxforder St. Antony’s College gewidmet; ausdrücklich ist es für Studienanfänger und eine allgemeine Leserschaft bestimmt. Es zeichnet die Grundzüge der Geschichte des arabischen Nahen Ostens und des Maghreb nach, und zwar in großen Zügen. Wer sich über historische Details, Namen, Daten und Ereignisse informieren will, muß zu einem ganz anderen Genre, einem historischen Handbuch wie Ulrich Haarmanns "Geschichte der arabischen Welt" (C.H. Beck, 2. Aufl., 1991) greifen.

Die politische Geschichte tritt – vor allem in der ersten Hälfte des Buches, die dem Mittelalter gewidmet ist – stark zurück; die mittelalterlichen Dynastien werden auf gut vier Seiten recht summarisch abgehandelt. Das hat seinen Grund: Schon seit dem 9. Jahrhundert sind die Herrscher und herrschenden Schichten in der arabischen Welt meist nichtarabischer Herkunft – Iraner, Türken, Mongolen im Osten, in Ägypten seit dem 13. Jahrhundert die türkischen und tscherkessischen Mamluken, im Maghreb und in al-Andalus (den islamischn Gebieten der Iberischen Halbinsel) die Berber. Seit 1516 liegt das politische Zentrum gar nicht mehr in der arabischen Welt selbst, sondern in Istanbul; für vier Jahrhunderte ist das Staatsoberhaupt für fast alle Araber zwischen Bagdad und Algier der türkische Sultan.

Aber auch unter der jahrhundertelangen Herrschaft nichtarabischer Dynastien blieb die arabische Sprache der wesentliche Integrationsfaktor der Länder zwischen dem Tigris und dem Atlantik. Arabisch war die Sprache nicht nur der Religion und des Rechts, sondern auch der Dichtung, der Philosophie und der Wissenschaften, und zwar für Araber und Perser, für Muslime, Juden und Christen gleichermaßen. Bis zum 15. Jahrhundert war etwa die Bevölkerung Ägyptens in ihrer Mehrheit christlich und sprach koptisch, doch vollzog sich unter der Herrschaft der nichtarabischen Mamluken die sprachliche Arabisierung des Landes. Schon die mittelalterliche Geschichte der koptischen Patriarchen ist in arabischer Sprache verfaßt, desgleichen die historische, juristische und theologische Literatur der westlichen Berberreiche.