Mama, was ist jüdischer Handelsgeist?" Mit dieser Frage bestürmt die kleine Lisa ihre Mutter, als sie aus der Schule kommt, und der Leser erfährt so ganz nebenbei, daß die Autorin jüdischer Abstammung ist. Nachdem die 1909 geborene Lisa Fittko vor sieben Jahren mit ihrem Buch "Mein Weg über die Pyrenäen" große Aufmerksamkeit erregte, drängte der Verlag sie, ihre Erinnerungen aus den Jahren 1933 bis 1940 aufzuschreiben. Ihr erstes Buch, in dem sie schildert, wie sie Nazi-Verfolgte, unter ihnen Walter Benjamin, auf Schleichwegen über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien brachte, liest sich vergleichsweise spannend. Das jetzt vorliegende dagegen ist rührend leise geschrieben. Es schildert den täglichen Überlebenskampf Andersgesinnter im "Dritten Reich".

Lisa Fittko ist 24 Jahre alt, als Hitler an die Macht kommt. Sie lebt in Berlin, und ihr Kampf gegen das Regime beginnt am 30. Januar 1933, als sie sich weigert, den rechten Arm zum Gruß zu heben. Sie und ihre Clique verteilen Flugblätter und müssen schließlich untertauchen. Lisa Fittko findet Unterschlupf in einer kleinen Wohnung hinter einem Bonbonladen in Berlin-Friedrichshain. Bald darauf flieht sie in die Tschechoslowakei, zuerst nach Leimeritz, wo sie ihre Eltern wiedertrifft, dann weiter nach Prag. Bei der Wohnungssuche lernt sie Hans Fittko kennen, den sie vor der Weiterflucht nach Basel heiratet. Hans Fittko gerät in Basel um ein Haar in die Fänge der Gestapo. Die Odyssee geht weiter über Amsterdam nach Paris. Aber Frankreich entpuppt sich nicht als besonders gastfreundlich.

Die Fittkos sind nicht prominent. Überhaupt fehlen in diesem Buch jegliche berühmten Namen. Die Autorin schildert den Emigrantenalltag einfacher Menschen, die sich mit miesen Jobs das tägliche Brot und die Miete verdienen müssen, weil man ihnen die begehrte carte de travail verweigert. Täglich drohen Verhaftung, Folter und Tod. Fittkos praktizieren den Widerstand im Kleinen, der doch oft spektakulärer und heroischer ist als im Großen. Lisa Fittko, die heute in Chicago lebt, erzählt schlicht und ohne Selbstmitleid. Das macht dieses Buch glaubhaft und damit wichtig.

Meike Behrendt

  • Lisa Fittko:

Solidarität unerwünscht

Erinnerungen 1933-1940; Hanser Verlag, München 1992; 214 S., 29,80 DM