Ein weiteres Klagelied darüber, was letzthin alles falsch gemacht worden ist oder nicht vorhergesehen wurde? Auch nicht von unseren Intellektuellen als den zur Einsicht in das Weltgeschehen eigentlich berufenen Zeitzeugen? Der modisch klingende Titel des neuen Buches von Wolf Lepenies mag so etwas erwarten lassen. Tatsächlich jedoch bietet der Autor, Rektor am Berliner Wissenschaftskolleg, einen Schnellauf durch die Sozial- und Geistesgeschichte der Intelligenz. Es beschäftigen ihn vor allem die nicht erst seit heute evidenten Schwierigkeiten der "Kopflanger" (Brecht), die Form und den Sinn der gesellschaftlichen Abläufe noch zu begreifen.

Dieser Überblick ist nicht nur spannend geschrieben, sondern zeichnet auch intellektuelle Kurz- und Trugschlüsse nach, die uns zuweilen verwundern. "Auf zwei Beinen stehe, / Oben sei ein Kopf!" Mit Lepenies wird verständlich, wieso es den Geistesarbeitern seit der Frühmoderne eher selten gelang, dieser Empfehlung Goethes zu entsprechen.

Der Verfasser bemüht sich um Distanz "zum Hang der Intellektuellen, sich selbst zum bevorzugten Objekt ihres Nachdenkens zu machen". Das fördere die Neigung, am Ende "nur noch das eigene Ich, nicht aber mehr die Welt um sich herum wahrzunehmen". Dieser Narzißmus gerate der Deutungskompetenz immer wieder in die Quere. So sind die Erwartungen der Mitwelt an die Intelligenz oft enttäuscht worden, nicht nur "Funktionswissen" zu liefern, sondern auch "Orientierungswissen", um eine Unterscheidung von Max Scheler aufzugreifen.

Die Überforderung der Intellektuellen als Sinnproduzenten wird in verschiedenen Themenfeldern verfolgt, doch auch von den gegenwärtigen Rollenproblemen der Intelligenz ist die Rede. Lepenies bezeichnet die Intellektuellen als "Reisende durch die Zeit". Vor lauter Eindrücken verlieren sie unterwegs den Boden unter den Füßen. Das hat nicht nur ihre Weltferne verursacht, sondern häufig auch eine Überanpassung an die Gegebenheiten. Die Studierstube fördert offenkundig nicht zwangsläufig den aufrechten Gang.

Das 19. Jahrhundert glaubte noch an das Heldische im einsamen Denker, trotz (oder gerade wegen) der Desillusionierungen, welche die Epoche für den Zeitgeist bereithielt. Wenn Lepenies in den osteuropäischen Dissidenten während des Kalten Krieges einen späten Nachklang dieses Ideals verspürt, so ehrt ihn das. Zu fragen bleibt allerdings, ob es sich dabei nicht um Zivilcourage gehandelt hat, die sich nach dem statistischen Gesetz der Normalverteilung auch unter Intellektuellen finden muß. Die Erkenntnis als solche hingegen ist nie Hebamme des Mutes gewesen, auch nicht in den großen Oppositionsbewegungen der Neuzeit. Vielmehr führt uns die Vergangenheit immer wieder die Korrumpierung des Geistes durch die Macht vor Augen. Oder war es anders herum? Las die Macht der Intelligenz ihre Möglichkeiten erst von den Lippen ab?

Der aus Vorträgen in Rom entstandene Band klingt melancholisch aus, indem Lepenies sich mit der populären These vom Ende der Geschichte auseinandersetzt. Während deren Wortführer von einem Vitalitätsschwund unserer Gegenwart sprechen, der an Max Webers Vision von einem Kältetod der Zivilisation erinnert, sieht Lepenies am Beispiel der Kunst die Erschöpflichkeit von Ausdrucksalternativen und damit einen drohenden Utopieverlust heraufziehen.

Den Intellektuellen bleibe nur "die raffinierte Umschreibung und Kommentierung des Common sense". Bloßes Wiederkäuen des gesunden Menschenverstandes mochte bereits Nietzsche nur "Kulturkamelen" zumuten. Und wer unter uns will schon zu dieser Spezies zählen? Das vorliegende Buch selbst widerlegt im übrigen diese Aussicht, indem es ausgesprochen ideenreich mit seiner Materie umgeht. Sven Papcke