Von Michael Schwelien

Petrič/Sofia

Sie nennen sie die "Petroleum-Königin von Petrič", und wie eine Königin führt sie sich auf: Afrodite Kalliakmanis, Griechin, 35 Jahre alt. Sie steigt in einen neuen Lancia – "Mercedes fahren nur Neureiche" prescht in rasender Fahrt zum Flugfeld von Petrič. Dort stehen an diesem Nachmittag dreißig, vierzig Tanklastzüge, abfahrbereit für den Transport von Benzin und Diesel nach Serbien. Sie werden den Treibstoff von dieser Grenzstadt im Südwesten Bulgariens über Mazedonien in das international geächtete Land bringen.

Ein paar kleine Probleme sind zu regeln. "Afrodite", rufen die Lkw-Kutscher, "Afrodite, komm mal her." Aus der Tasche ihres braunen Lederrocks zieht sie ein paar deutsche Geldscheine, genau 300 Mark. Huldvoll reicht sie die Noten dem bulgarischen Polizisten, der am Ende der Rollbahn den zum Ölmarkt verwandelten Flugplatz bewacht. Die Stadt Petrič gewinnt am schmutzigen Geschäft, zumindest einige ihrer führenden Repräsentanten profitieren davon.

Der Polizist macht Ärger, er feilscht. "So geht das nicht, Afrodite." Der Bürgermeister hatte entschieden: 150 Mark Standgebühr sind für jeden Lastzug auf dem Flugfeld zu entrichten, weitere 100 Mark für das Umpumpen des Treibstoffs von dem griechischen auf die serbischen Lastzüge. Vier solche Gespanne hat die kleine Königin heute abgefertigt, da reichen 300 Mark nicht. Angewidert zieht sie noch einen Fünfzigmarkschein aus dem Rock. Der Mann gibt Ruhe.

Afrodite hat Sorgen, wenn auch keine allzu großen. Zwei Mark pro Tonne erwarten die bulgarischen Zöllner: für die "rasche und reibungslose" Abfertigung. Sie stempeln die Frachtpapiere mit beiden Händen ab. Da kommen hübsche Sümmchen zusammen. Mittelgroße Beträge hält Afrodite in der Handtasche bereit. Richtiges Geld, das sind dann auch Dollars, trägt sie im Aktenkoffer. Er ist schwer wie ein Stein.

Und so funktioniert das Geschäft, bei dem das Embargo der Vereinten Nationen gegen Serbien zum Witz wird: Tanklastzüge und auch Eisenbahnwaggons kommen mit Treibstoff aus Thessaloniki. In Petrič, günstig im Dreiländereck von Griechenland, Bulgarien und dem ehemals jugoslawischen Mazedonien gelegen, wird er an Zwischenhändler wie Afrodite verkauft. 225 bis 246 Dollar kostet sie die Tonne Diesel, 235 Dollar die Tonne Benzin. 280 Dollar bezahlen die Serben für das Öl, 320 Dollar für das feinere Benzin. Auf dem Papier sind diese Serben allerdings brave Bosnier. Frachtbriefe? Ausnahmslos einwandfrei, stets ist der Bestimmungsort der Ware Sarajevo, Pale, Trebinje oder irgendein anderer Ort im embargofreien Bosnien.