Wie war das noch im Sommer? Radfahrer! Überall! Radfahrer wie Ratten! Radfahrer auf schwarzen, grellgrünen, rostigen, allen möglichen Rädern, Radfahrer in der Fußgängerzone, Radfahrer auf der Straße, Radfahrer auf dem Radweg.

Die Landbevölkerung soll endlich erfahren, wie es in den Städten zugeht! Hamburg: Der rotgepflasterte Radweg an der südöstlichen Außenalster, zwischen Ferdinandstor und dem Radverkehrsknotenpunkt Mundsburger Damm, wurde in der letzten Woche zur ersten deutschen Radbahn ernannt (R 1). Das Überholen vor Kurven ist lebensgefährlich, ebenso das Überqueren der Radbahn durch ältere Fußgänger. Merke deshalb: Fußgänger haben auf der Radbahn nichts zu suchen!

Alltag auf der R 1: An der tückischen Ampel am "Hotel Atlantic" schneiden Mountainbiker Hollandrad-Radlern beim Einfädeln den Weg ab wie der Scirocco dem DAF auf der Autobahnauffahrt. Wer langsam fährt, bremst oder anhält, ist ein blöder Trottel. Wer als Spaziergänger eine Fußspitze auf die Radbahn setzt, dem schallt vom Fahrrad-Kurier (dem König der Radbahn – das Rauschen seines Walkie-talkies ist wirkungsvoller als jede Vierklanghupe) ein herzhaftes "Platz da!" entgegen.

"Platz da!" – es ist dies der traditionelle deutsche Fortbewegungsschlachtruf. Denn Fortbewegung ist eine Schlacht! Fortbewegung, das ist die hautnahe Begegnung mit dem Gegner, mit dem anderen, der auch gerade wohin will – und also im Weg steht.

Natürlich ist Anna-Luise jetzt verwirrt. Anna-Luise, die schon als Schülerin aufs Hollandrad umgestiegen war, aus Protest gegen die Mofafahrer, mit einem praktischen Gepäckkorb für die Jute-Schultasche. Anna-Luise, die einfach langsamer vorankommen wollte, die Landschaft genießen, umweltfroh und umweltfreundlich, ein anderer, besserer Mensch.

Jetzt liegt sie im Radweggraben der R 1 und wundert sich. Nichts hat Anna-Luise vorbereitet auf die neue Zeit, da die Fahrräder schwarz und bunt glänzen und die Fahrradschlösser so viel kosten wie ein Gebrauchtrad und schwerer sind als die Leichträder, die sie schützen sollen. Schwarzbunt glänzende BMW- und Mercedes-Räder rauschen an ihr vorüber, und die vernichtenden Blicke der jungen Männer am Lenker sagen ihr deutlich, was sie hier tut: stören!

Wir aber fordern: Die internationale Fahrradindustrie, die es so trefflich verständen hat, aus demDrahtesel ein echtes Produkt zu machen (also was zum Protzen, nicht zum Irgendwohinkommen), muß die Zeichen der Zeit erkennen und den einmal eingeschlagenen Weg nun bis zum Ende gehen.