LÜBELN/LÜCHOW. – Die riesige Küche des wendländischen Gehöfts wirkt leer – die Stallungen sind es. Neunzig Kühe hatte die Bäuerin Ursula Lippe täglich gemolken, morgens und abends. Das ist lange her. Heute kräht auf dem Hof nicht mal mehr ein Hahn. Das Bauernsterben im ehemaligen Zonenrandgebiet läßt sich nicht aufhalten, wohl aber das Aussterben der bäuerlichen Kultur. Dieser Gedanke veranlaßte die heute 55jährige Bäuerin zur Spurensuche. Seither gilt ihre neue Leidenschaft den wendländischen Rundlingsdörfern und Volkstrachten.

Noch immer ist sie verblüfft darüber, wie ihre Idee vor zehn Jahren einschlug: "Ich wurde geradezu überschüttet mit Trachten, Hauben und Aussteuer, die über hundert Jahre lang auf Speichern vergessen und verstaubt waren." In mühevoller Kleinarbeit begann der ehrenamtliche "Arbeitskreis Trachten", die Textilien aus dem vorigen Jahrhundert zu sortieren, zu restaurieren und zugleich deren historische Bedeutung zu erforschen. Das Ergebnis ist heute im Wendlandhof Lübeln bei Lüchow zu sehen: prächtige, farbenfrohe Trachten, perlenbestickte Seide, Hauben, Schmuck – fachgerecht konservierte Kleinode hinter Vitrinen, die der Nachwelt noch rund 300 Jahre erhalten bleiben werden.

Ursula Lippe hat sich ihr Wissen selbst angeeignet. Inzwischen versteht sie die Sprache der Kleider, die Geschichten erzählen von traurigen oder festlichen Anlässen, Alter, Stand und Vermögen der Trachtenträgerin. Und sie weiß auch um kleine Details wie etwa das von den getrockneten Kräutersträußchen: Die Bäuerinnen nahmen es zum Kirchgang mit, damit sie der intensive Geruch nach einem harten Arbeitstag wachhalte.

Im hannoverschen Wendland wurde anno 1880 die letzte Hochzeit in Tracht gefeiert. Gäste von auswärts kamen mit Leiterwagen, auf denen sie ihre Betten transportierten, denn meist dauerte das Fest acht Tage lang. Im wendischen Lausitz dagegen ist die Tradition, Tracht zu tragen, bis zum heutigen Tag lebendig geblieben – Vergangenheit zum Anfassen. Andrea Hösch