Manchmal verschatten sich die Tage. Immer schon gab es Kriege, aber plötzlich werden aus Landschaften, die uns gestern noch als sonnige Ferienorte vertraut waren, blutige Schauplätze des Terrors. Rassismus ist so alt wie die Neuzeit. Aber plötzlich gewinnt er mitten im Alltag eine Macht, als käme eine für besiegt gehaltene Seuche zum Vorschein. Die Geschichte, so haben wir uns vorgesagt, wiederholt sich nicht. Aber plötzlich, als hätte es Auschwitz nie gegeben, recken die Antisemiten ihr Haupt.

Eine Verdüsterung ergreift von allem Besitz. In ihr versinken offenbar auch die Männer der Tat. Wir haben die Lenker des Staates und der Wirtschaft nie überschätzt, aber man konnte doch das Gefühl haben, sie hätten den Laden halbwegs im Griff. Jetzt aber wirken sie verwirrt und kopflos. Im siegreichen westlichen System haben sich die Triumphgesänge in das Geheul von Hunden verwandelt, die ihren Knochen verteidigen.

Die Schwermut hat in diesen Breiten eine ehrwürdige Tradition. Sie dringt nun ins ideologische Vakuum wie Grundwasser ins Baggerloch. Auch Überzeugungen unterliegen der Konjunktur. Kants Weisheit, der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt, hört man immer öfter. Optimistische Zukunftsentwürfe sind so rar wie ein billiger Kredit. Die Linke, die 1968 den magischen Begriff "Veränderung" wie auf einer Fahne vor sich hertrug, hat die Fahne eingerollt und wehrt sich angstvoll gegen alles, was nach Veränderung aussieht. Die Rechte, die Veränderung als blinde Innovation betreibt, sieht sich von rechts hinten festgehalten und auf fundamentale Gesinnungen verpflichtet, die dem Gang der Geschäfte schädlich werden könnten.

Was wir jetzt erleben, am Ende dieses Jahrtausends, zeigt Ähnlichkeiten mit dem Fin de siècle. Hugo von Hofmannsthal hat in seiner "Reitergeschichte" (1898) die Verdüsterung beschrieben, die eigene und offenbar auch die unsrige.

Am Morgen eines sonnigen Tages reitet ein Streifkommando gegen Mailand, erledigt in einem geradezu heiteren Handstreich feindliche Truppen und zieht mittags glücklich durch die besiegte Stadt. Der Wachtmeister Anton Lerch erblickt eine schöne Frau am Fenster, kündigt ihr baldige Quartiernahme an und reitet im Hochgefühl bevorstehender Genüsse ans andere Ende der Stadt, um das Gelände militärisch zu sichern.

Ein verlassenes Dorf erscheint ihm "auf verlockende Weise verdächtig", und er beschließt, es zu durchsuchen. Der Ritt über die Dorfstraße wird zu einer Kette widerwärtiger Begebenheiten. Ratten fletschen die Zähne. Hunde fallen übereinander her; der eine ist "ein Windspiel von aufgeschwollenem Leib, in den kleinen ruhelosen Augen war ein entsetzlicher Ausdruck von Schmerz und Beklemmung". Der Wachtmeister gibt seinem Pferd die Sporen, aber es "ging schwer und schob die Hinterbeine mühsam unter, wie wenn sie von Blei wären". Am Ende des Dorfes kommt ein Reiter auf ihn zu. Als "der Wachtmeister, mit stierem Blick in der Erscheinung sich selber erkennend, wie sinnlos sein Pferd zurückriß und die rechte Hand mit ausgespreizten Fingern gegen das Wesen vorstreckte, worauf die Gestalt, gleichfalls parierend und die Rechte erhebend, plötzlich nicht da war", gerät er im zugleich einsetzenden Gefecht, das die Abendsonne mit Blut übergießt, in eine berauschte Verwirrtheit, widersetzt sich einem Befehl und wird standrechtlich erschossen. "Kurze Zeit nachher erreichte das Streifkommando unbehelligt die südliche Vorpostenaufstellung der eigenen Armee."

Hofmannsthals Novelle ist eine der Geschichten, die man sich am Ende einer Epoche zu erzählen pflegt. Sie sagen nichts über den weiteren Verlauf, nur über die herrschende Stimmung. Ihre Verdüsterung hat weniger mit den schlimmen Tatsachen zu tun als damit, wie wir sie deuten. Anton Lerchs Selbstbegegnung, nach einem Tag hohen Tempos und simpler Zuversicht, endet tödlich, weil er nichts von sich weiß. Aber die Begegnung ist unausweichlich. Man kann sie überleben, wenn man ihrer gewärtig ist. Ulrich Greiner