Von Theo Sommer

Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten wird sich drastisch verändern. Wir werden ebensoviel Diskontinuität erleben wie Kontinuität – aber nicht primär wegen des Wechsels im Weißen Haus, sondern in erster Linie wegen des Wandels in der Welt.

Die Amerikaner haben den Kalten Krieg siegreich überstanden. Der Feind der letzten 45 Jahre ist verschwunden; neue Gegner von ähnlicher Gefährlichkeit sind weit und breit nicht zu erkennen. Wie Jeane Kirkpatrick – Professorin, Diplomatin, Republikanerin – schreibt: "Zum ersten Mal, seit Hitler im Rheinland einmarschierte, gibt es keine realistische militärische Bedrohung der Sicherheit Amerikas und seiner Verbündeten mehr." Die Welt mag weniger stabil und berechenbar sein. Indessen ist sie für Amerika ein gutes Stück sicherer geworden – "sicherer als jemals in den 216 Jahren seiner Existenz", wie der konservative Kolumnist George Will befindet.

Die westliche Supermacht hat allerdings einen hohen Preis dafür bezahlt, daß es dahin kam. Sein Sieg hat Amerika ebenso zur Ader gelassen wie ihre Niederlage die Sowjetunion. "Unsere inneren Probleme hängen eng mit dem zusammen, was wir für den Kalten Krieg ausgegeben haben", sagt Zbigniew Brzezinski, einst der Sicherheitsberater Jimmy Carters. Die Amerikaner sind des ewigen Heldentums müde. Es fehlt ihnen an beidem, wallet and will – am Geldbeutel wie am Willen, weiterhin Atlas zu spielen. Viele Bürger der überanstrengten Supermacht haben das Gefühl, ihre Schwierigkeiten zu Hause seien die direkte Folge des jahrzehntelangen auswärtigen Engagements; jeder Dollar, der im Ausland ausgegeben werde, sei ein Dollar, der nicht im eigenen Lande ausgegeben werden könne; jede Stunde, die der Präsident auf den Mittleren Osten, die Veränderungen in Osteuropa oder die Umstrukturierung der Nato verwende oder verschwende, fehle ihm bei der Bewältigung der heimischen Wirtschaftsprobleme, der Bildungsreform und dem Umbau des Gesundheitswesens.

An diesen Grunddaten kommt kein Präsident vorbei. Ein jeder wird die Außen- und Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten den gewandelten Umständen anpassen, ihre Engagements sehr selektiv den geschwundenen Kräften angleichen müssen. Keiner kann vor den inneren Nöten Amerikas die Augen verschließen. Der Handelskrieg, den die Bush-Regierung der Europäischen Gemeinschaft angedroht hat, zeigt im übrigen, wo die eigentlichen Schlachtfelder der kommenden Jahre liegen werden: auf dem Weltmarkt nämlich. Die Geo-Strategie verliert an Bedeutung, die Geo-Ökonomie rückt in den Vordergrund – und vor allen Dingen die eigene Ökonomie.

Im Wahlkampf hat die Außenpolitik kaum eine Rolle gespielt. Bush versuchte, sich als Krisenmanager zu empfehlen: "Wenn in den nächsten fünf Minuten der Fernsehansager meldete, es gebe eine große Bedrohung für die Welt.. ., wen würden Sie wählen?" Doch die Frage verfing nicht. Die Clinton-Wähler und die Perot-Wähler, zusammen 62 Prozent, wollten keinen Mann, der die Präsidentschaft am liebsten auf die Rolle des Oberbefehlshabers reduziert. Obendrein rückten die Medien Bushs außenpolitische Bilanz kräftig ins Zwielicht: sein Zögern, erst Gorbatschow, dann Jelzin zu helfen; seine Hände-weg-Politik gegenüber Jugoslawien (nach dem Motto: europäische Lösungen für europäische Probleme!); sein Zaudern, die baltischen Staaten und die unabhängigen GUS-Republiken anzuerkennen.

Selbst vor Bushs größtem Triumph, dem Sieg über Saddam Hussein, machten die Kritiker nicht halt. Hatte der Präsident die Natter, die er da in der Wüste zertrat (Rechnung an die Alliierten), nicht überhaupt erst am Busen seiner Administration genährt, dem Diktator von Bagdad mit Getreidelieferungen, militärisch nutzbarer Hochtechnologie und deutlichen Stellungnahmen zu seinen Expansionsabsichten Vorschub geleistet? Hatte er nicht ähnlich auch Panamas Drogendiktator Noriega gestützt, ehe er ihn dann in einem Wochenendkrieg hinwegfegte?