Von Reinhold Rombach

Aktienexperten haben derzeit wahrlich nichts zu lachen. Seit es mit den Wertpapierkursen nicht mehr so klar nach oben geht wie in den achtziger Jahren, sind sie der Kritik ausgesetzt, die zuweilen spöttisch, manchmal verletzend und oft genug hämisch ausfällt. Gleichwohl ist die Schelte begründet. Gerade in den vergangenen zwölf Monaten lagen viele Anlageprofis mit ihrer Börseneinschätzung völlig daneben.

Es sei unter anderem die Abhängigkeit der Analysten von ihren Geldhäusern, die eine neutrale und damit möglicherweise treffsichere Prognose nicht zuließe, behaupten viele Kritiker. Ein Indiz für diese These scheint der gegenwärtige Stand im ZEIT-Börsenspiel zu liefern. Oder ist es nur Zufall, daß ausgerechnet die unabhängige Kandidatin, Elisabeth Höller, mit großem Vorsprung in Front liegt? Niemandem verpflichtet, schaffte die Chefin der gleichnamigen Zürcher Vermögensverwaltungsgesellschaft ein Resultat, von dem viele in der Branche nur träumen können.

Der Zugewinn von 14,73 Prozent seit Jahresbeginn liest sich um so respektabler, wenn das Ergebnis mit der Entwicklung repräsentativer Aktienindizes verglichen wird. Der Weltindex verlor im gleichen Zeitraum 5,75 Prozent, und der Deutsche Aktienindex (Dax) rutschte in den vergangenen zehn Monaten sogar um 8,34 Prozent nach unten. Bis Ende Mai waren die Kurse an der deutschen Börse zwar noch gestiegen. Doch als sich im Sommer die ungünstigen Aussichten für die wirtschaftliche Entwicklung und die desolate Lage der Staatsfinanzen immer deutlicher abzeichneten, schwand auch an der Börse jeder Optimismus.

In einem solchen Umfeld ist es auch für Börsenprofis schwer, Profit zu machen. Elisabeth Höllers bisheriger Erfolg ist besonders beeindruckend, weil ein gutes Drittel des Vermögens als Barschaft auf der sicheren Seite geparkt ist. Niemand kann ihr also vorwerfen, sie habe das gute Resultat nur mit unsoliden Risikogeschäften erzielt.

Auch in den letzten Wochen des Jahres sollte nach Elisabeth Höllers Auffassung bei der Anlagestrategie an allererster Stelle das Vorsichtsprinzip stehen. Im Grunde würde sie am liebsten ihr ganzes Geld ausschließlich in internationalen Anleihen anlegen. Daß der Demokrat Bill Clinton nun zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, spiele an den Finanzmärkten keine entscheidende Rolle. Was die Börsen momentan negativ beeinflusse, seien vielmehr die anhaltende Wachstumsschwäche in den Vereinigten Staaten, die hohen Arbeitslosenquoten in Europa und die mangelnde Investitionsneigung bei den führenden Konzernen.

Volker H. Düber von der Südwestdeutschen Genossenschafts-Zentralbank (SGZ) schätzt dagegen die Lage in den Vereinigten Staaten optimistischer ein. "Die psychologischen Auswirkungen durch diesen Regierungswechsel werden nicht unerheblich sein", meint der Chefdenker des Frankfurter Bankinstitutes. Vorerst sei aber auch in Amerika eine rasche Beendigung der rezessiven Situation nicht in Sicht.