Mit einer Verpackungsfirma wurde er reich. In Sachen Berufsbekleidung war er erfolgreich. Im fernen Mexiko ist er an einem Stahlwerk beteiligt. "Doch mein ganzes Leben habe ich einen stillen Traum gehabt." Vor zweieinhalb Jahren hat sich der Kölner Diplomkaufmann Henner Löffler seinen Traum erfüllt.

Eine Kölner Buchhändlerin war es, die ihm den heißen Tip gab. Die Frankfurter Verlagsanstalt, 1986 von Klaus Schöffling, dessen Vater und Ulrich Sonnenberg gegründet, benötigte für ihr ehrgeiziges Programm dringend Geld. Doch Löffler wurde nicht Mäzen oder Sponsor, er wurde Geschäftsführer. Das sollte sich rächen.

Mindestens eine dreiviertel Million will er seitdem in den Verlag gesteckt haben. Es ehrt ihn, daß er sich bis vor kurzem diskret im Hintergrund hielt und Klaus Schöffling, einem Mann vom Fach, die inhaltliche Gestaltung des Verlages überließ. So entwickelte sich die Frankfurter Verlagsanstalt zu einem der angesehensten literarischen Verlage in Deutschland. Ror Wolf erscheint hier, Eva Demski, Jochen Schimmang, Richard Wagner, Guntram Vesper, Jan Koneffke, Burkhard Spinnen und andere. Daß der eine oder andere Autor seinen früheren Verlag, sei es Luchterhand, sei es Hanser, verließ, lag nicht etwa an womöglichen Fehlern dieser Häuser – es war das familiäre Flair, das die Autoren zu Schöffling zog, die intensive Zusammenarbeit in einem Verlag mit überschaubarem Programm.

Doch mit anspruchsvollen belletristischen Büchern kann man kein Geld machen. Das merkte auch Löffler. Gewiß, mit "Afra" habe Eva Demski soeben einen ansehnlichen Erfolg erzielt. Aber was sind die Verkaufszahlen schon gegen die eines Süskind oder Ransmayr. Außerdem: Das Erscheinen von "toten Autoren", gemeint ist die biographische Reihe des Verlages, kostspielige Übersetzungen, zu hohe Werbungskosten und zu teuer ausgestattete Bücher seien schuld daran, daß der Verlag zusehends in die roten Zahlen geriet. So ist aus Löffler ein gnadenloser Rechner geworden.

Schon in diesem Frühjahr gingen die Querelen zwischen Löffler und Schöffling los. Schöffling weist nach, daß Löffler, entgegen seiner Zusagen, immer mehr den Geldhahn zudrehte. Löffler ist beleidigt, weil Schöffling ihn systematisch aus dem inneren Verlagsleben fernhalten wollte. Selbst bei einem Autorenabend auf der letzten Frankfurter Buchmesse sei seine Anwesenheit nicht gewünscht gewesen. Schöffling dagegen war verärgert, weil Löffler sich auf der Vertreterkonferenz anheischte, ausgerechnet Fernando del Pasos "Palinurus von Mexiko" vorzustellen. Ein Kampf der beleidigten Leberwürste, bis Anwälte die Bühne betraten.

So kam es, daß Klaus Schöffling und seine engen Mitarbeiter am 31. Oktober aus dem Verlag schieden. Der einzige Weg, so Schöffling, den drohenden Konkurs zu vermeiden: eine Entscheidung für die Autoren, denn die wären im schlimmsten Fall völlig leer ausgegangen. Aus ökonomischen Gründen sah Schöffling keinen Weg, den Verlag ohne Löffler weiterzuführen. Andere Partner waren nicht in Sicht. Löffler ist jetzt Alleinverleger und betrachtete sich, für einige Stunden wenigstens, als Retter des Verlages und der Autoren, der lebenden, versteht sich.

Doch die ließen sich den "kalten Putsch" (Koneffke), den "persönlichen Racheakt" (Schimmang) nicht bieten. In einem wohl beispiellosen Akt der deutschen Verlagsgeschichte ließen sämtliche deutsche Autoren des Verlages jetzt verlauten, daß sie keineswegs gewillt seien, mit Löffler zu arbeiten. Der habe sie gar nicht gefragt, ob sie mitmachen wollen. Der Traum ist erst einmal zerplatzt. Der Verleger steht ohne Autoren da. Und Klaus Schöffling, dem die Autoren erneut das Vertrauen aussprachen, sucht einen neuen finanzstarken Partner (Bertelsmann, Holtzbrinck, Beltz?) für einen neuen Verlag oder für den alten, was uns allen am liebsten wäre. Denn mit der Frankfurter Verlagsanstalt muß es weitergehen. Warum gründet Henner Löffler nicht einen eigenen Verlag, zum Beispiel eine "Kölner Verlagsanstalt"? Aber dann bitte in der angemessenen Berufsbekleidung. Hajo Steinert

Der Literaturbetrieb ist oft nicht nur ungerecht. Er ist vor allem ein Geschäft. Als 1988 Michael Chabons Roman "Die Geheimnisse von Pittsburgh" erschien, erzielte das Manuskript Summen, gegen die kein Debütant anschreiben konnte. Ohne die Begleitmusik klingelnder Dollars kann man nun das zweite Buch des 28jährigen Amerikaners lesen. "Ocean Avenue" (Erzählungen; aus dem Amerikanischen von Denis Scheck; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1992; 192 S., 29,80 DM) ist in sich so heterogen, daß man glauben möchte, es seien verschiedene Autoren am Werk. Da wachsen kleine Stilblüten und verklemmt-gedrechselte Phrasen ("jene uralte gierige Schlange in ihrer darwinischen Höhle") in schlichten, ein wenig beliebigen Geschichten über junge Männer, Liebe und Freundschaft. Und auf einmal geschieht etwas. Fünf kleine Stories unter der Überschrift "Die verlorene Welt" machen uns mit Nathan Shapiro bekannt. Wir begleiten ihn durch seine Kindheit und Pubertät, erfahren von der Scheidung seiner Eltern, der Unordnung der Gefühle und frühem Leid. Es ist eine klare Prosa, ohne die Sprach-Posen und läppischen Aufzählungen von Parfümsorten, Cocktails und Edelklamotten. Wenn man "Ocean Avenue" aus der Hand legt, weiß man zwar noch immer nicht, welcher der zwei Michael Chabons nun einer der kommenden, großen amerikanischen Erzähler sein soll – vom Chabon des zweiten Teils jedoch darf man einiges erwarten. Peter Körte