Von Robert Leicht

Nach dem Schock die große Besänftigung: Was zählen schon 300 oder 3000 Randalierer gegenüber 300 000 friedlichen Demonstranten? Was verschlägt das Geschrei einiger "Autonomer" angesichts einer vernünftigen Rede des Bundespräsidenten?

Es gibt genügend – und gute – Gründe, sich das Ergebnis der Berliner Demonstration vom vorigen Sonntag schönzureden. Am Ende hätte dann nur ein allzu banales Organisations- und Polizeiversagen daran Schuld getragen, daß ein adrett geplantes Fernsehbild der anständigen Nation verpatzt wurde. Doch so einfach kommen weder die Veranstalter noch wir alle mit dem Hinweis auf die in bewundernswert großer Zahl angereisten braven Demonstranten davon.

Auf zwei Bühnen sollte die Kundgebung stattfinden: zum einen als reales Ereignis der Volksversammlung unter freiem Himmel, zum anderen als Medienveranstaltung für alle Welt. Was auf der einen Ebene so gut verlief – auf der anderen ist es, und das bleibt allemal ein Politikum, peinlich schiefgegangen. Es gibt eben mehr als nur die eine menschenfeindliche Gewalt, auf deren Abwehr man sich in einem großen, aber auch wolkigen Konsens leicht verständigen kann.

In Wirklichkeit hat sich die Demonstration gleich auf doppelte Weise den Veranstaltern entzogen.

Erstens haben die Störer sich zwar – Skandal! – nicht an den Minimalkonsens gehalten, der da lauten sollte: Wir können – ungeachtet aller übrigen Streitigkeiten – vereint für die Menschenwürde demonstrieren.

Zweitens aber wollten sich Hunderttausende mit diesem mageren Mindestziel nicht zufriedengeben. Ihnen reichte es nicht aus, nur für den Artikel 1 des Grundgesetzes zur Demonstration zu gehen und unterdessen den Artikel 16 zur Disposition zu stellen. Nur weil so viele Bürger der Meinung waren, zur Menschenwürde gehöre auch der unverkürzte Schutz des Asylrechts, kamen weitaus mehr Teilnehmer zusammen, als selbst die Optimisten erwartet hatten. Insofern war es auch eine Demonstration in der Demonstration, ein Protest gegen die allzu bescheidene Zielsetzung der politischen Veranstalter.