Daß die Bundesbahn in einer chronischen Finanzklemme steckt, wissen wir längst. Um dem maroden Unternehmen unter die Arme zu greifen, fahren wir fleißig und umweltbewußt ICE – natürlich mit der BahnCard. Gerade erst haben wir einen Scheck über 220 Mark auf das "Unternehmen Zukunft" ausgestellt.

Und wir goutieren auch die Bemühungen der Staatsfirma, ihren Gästen lange Bahnfahrten kurzweiliger zu gestalten: Doch finden wir selten Platz in jenen angepriesenen ICE-Bordrestaurants, die häufig schon bei der Abfahrt bis auf den letzten Stuhl besetzt sind. Und auch die wenigen mit Videomonitoren ausgerüsteten Sitze stehen leider nur im Raucherabteil.

Beim Bemühen der Bahn, ihren Kunden den Schienentrip zu versüßen, wundern wir uns, daß sie erst jetzt anbietet, was im Flugzeug längst gang und gäbe ist: das Einkaufserlebnis unterwegs. Doch nicht etwa mit nützlichen Dingen des Alltags wie teuren kubanischen Zigarren oder Hochprozentigem aus Schottland, süßlichschweren Düften aus Paris oder poppigbunten Schweizer Kunststoffuhren wird fortan in den Abteilen gehandelt. Seit kurzem offerieren die freundlichen Zugbegleiter in deutschen Schlafwagen (und bald auch das Bordpersonal des ICE) dem Gast einen Versandhauskatalog, der Dinge jener wunderbaren Warenwelt enthält, von denen wir bisher gar nicht wußten, wie nötig wir sie haben.

Nun wartet "Mezzo-Vip", das "Brillenetui mit Innenleben", für nicht einmal 140 Mark auf unsere dringende Bestellung sowie – für schlappe 150 Mark – ein Weltempfänger namens "International". Mit dem "Drum Man", einer Art Walkman-Schlagzeug, dessen in die Percussionsstäbe eingebaute Leuchtdioden sogar im Dunkeln funkeln, kann künftig auch das untere Management nach Belieben auf die Pauke hauen. Ebenso unentbehrlich erscheint im Zeitalter des Computers der elektronische "Tischsekretär", der im Gegensatz zur heimischen Bürodame als "vielseitig, zuverlässig und schweigsam" angepriesen wird. Keinesfalls verzichten sollten vergeßliche Mitmenschen auf eine Datenbank namens "Office" sowie den "Weltzeitwecker", der einen jederzeit und allerorts aus dem Büroschlaf weckt.

Doch nicht nur für den persönlichen Gebrauch gibt es solch unentbehrliche Pretiosen. Sogar für unsere liebsten Mitmenschen haben die Bundesbahnen ein Herz. Ihnen können wir – Bahn sei Dank – alle diese schönen Präsente mit einer Grußkarte zuschicken lassen. So manches Bratkartoffel-Verhältnis könnte demnächst im Versandhaus-Verfahren den in Leder eingebundenen Terminplaner "Mezzokombi" erhalten, in den schon die nächsten Besuchstermine eingetragen sind. Zur Beruhigung des schlechten Gewissens überraschen wir unsere Ehefrau mit der Neonuhr "Image", deren leuchtendes Ziffernblatt im Sekundentakt blinkt. Und selbst für die Schwiegermutter hält der Katalog Passendes parat: Wir entscheiden uns für den automatischen Regenschirm "in der aktuellen Farbkombination schwarz-lila", im Vertrauen auf die Wirkung, die der Katalog verspricht: "Ein modischer Begleiter, der sie nie wieder im Regen stehen läßt".

Nun benötigen wir weder die "Krypton-Stablampe", mit der jedem "auch in der größten Finsternis ein Licht aufgeht", noch die "Solar-Gartenleuchte" für nicht einmal 300 Mark, um festzustellen: eine fabelhafte Idee, diese Katalogaktion. Und ganz gewiß nicht überflüssig. Oder? Bernd Loppow