Montag, trauriger Montag. Im Schoß der Erde die Kohle ruht, und kaum jemand da, sie ans Licht zu holen. O du Land der tausend Feuer, wie lange werden die Schlote noch rauchen, wenn das so weitergeht? Hören wir nur, was die Essener Handelskammer dazu zu sagen hat. Während der "Hauptkirmes" werden, wie Umfragen in 48 "hiesigen" Werken ergeben, fast 230 000 Arbeitsstunden "versäumt" bei den "Kirmessen in den Vor- und Nebenorten" gut und gerne 90 000. Die Kauen, halbleer in Hütte und Pütt, Arbeit und keine Arbeiter, Kirmes und der Tag danach: Montag, blauer Montag.

Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Der gute alte Rummel, es gab Orte, da hatte er es leichter als in Bottrop, Duisburg und Dortmund. Je härter die Arbeit, desto bunter das Vergnügen? Was in anderen Metropolen galt, im Revier galt es lange nicht, wie eine angemessen pittoreske Ausstellung des Ruhrlandmuseums in Essen jetzt zeigt.

Zeit der Jahrhundertwende, in München und Berlin tobt das Leben. An der Isar etwa in Gestalt von "Reformtänzerin Adorée Villany", einer bayerischen Künstlerin, die bereits erwägt, sich und ihre Kunst auch in Paris zu zeigen. Und in Essen? Man knöttert und wettert. Reformtanz? So watt doch nich. Geh mir doch weg mit diesen Sinneskitzel. Am 12. April 1911 greift der Essener Polizeipräsident zu Papier und Feder. "Allgemein herrscht die Meinung", schreibt er an den Regierungspräsidenten, "daß die Berliner Zensur für den hiesigen Industriebezirk eher schärfer als schwächer sein muß. Was für Berlin passend ist, paßt für die hiesigen Arbeitergemeinden nicht immer."

Während Adorée Villany vermutlich längst auf dem Weg nach Paris ist, formieren sich zwischen Rhein und Ruhr die Unerschrockenen zu ihrem Kampf gegen die bunten Kirmeswagen. Die Geistlichkeit, die statt Kirmes lieber wieder Kirchweih will, die hohen Herren von Krupp, Thyssen und Hoesch, denen aus Sorge um temporär nachlassende Arbeitskraft ebenfalls die ganze Richtung nicht paßt. Sekundierend zur Seite treten die sogenannten "Mäßigkeits- und Sittlichkeitsvereine". Allen voran der evangelische Männer- und Jünglingsverein "Eben-Ezer". Nach gründlicher Recherche sehen sich die Mitglieder bereits im Jahre 1898 gezwungen, dem Essener Oberbürgermeister von ihrer Abscheu Kenntnis zu geben. Diese Kirmessen, diese "Tingeltangel" bereicherten die Sprache und Gedanken um immer neue Zweideutigkeiten. "Sie sind Seuchenherde, von denen sich die Dünste der Unsittlichkeit epidemisch weiterverbreiten."

Was also wird sein? Das ganze Revier dem Abgrund entgegentaumelnd, wird sich das Schicksal traurig vollenden, gerade jetzt, da die Fußballgötter im nahen Gelsenkirchen Schalke ins Leben rufen? Heinrich Pütz meldet sich zu Wort. Wer aber ist Heinrich Pütz? Als Bürgermeister von Duisburg-Meiderich ist auf ihn Verlaß. Eine Speerspitze gegen Luder und Laster, imamhaft sein Eintreten "für edle Genüsse". Warum auch nicht, Pütz rät den Hauern im Revier, des Sonntags doch lieber nebenan in Düsseldorf "die Museen zu besuchen". Historiker und andere Menschenkenner sind heute einig darin, daß Pütz den Kampf zwar beherzt aufnahm, ihn letztlich aber nicht gewinnen konnte. Wissenschaftlich betrachtet, gilt das ausgehende 19. Jahrhundert nicht nur als die Wiege der industriellen Arbeitsgesellschaft, sondern auch als 55 Wiege der modernen Freizeitgesellschaft. Unwissenschaftlich ausgedrückt, der Mensch des Ruhrgebiets kann plötzlich wählen, erst allmählich und dann immer mehr.

Einerseits, und wie gehabt, "Volksunterhaltungsabend" in Dortmund ("Recitativ und Arie aus der Schöpfung, vorgetr. von Herrn Bäckermeister Hausmann", canach "Fahnenschwenken"). Andererseits, auf der Kirmes, der Auftritt von "Weltmeisterringer" Ernst Erlenkamp, oder ein bißchen weiter, im "Walhalla-Varieté", der "interessante Ringkampf zwischen dem Bergmann Friedrich Raabe von hier und dem Riesenbären Muffel". Eine Auseinandersetzung "bis zur Entscheidung", wie es auf den Plakaten heißt. Die Entwicklung darf spätestens von 1905/1906 an als eine eindeutige bezeichnet werden, die arbeitenden Massen tendieren weniger in die Düsseldorfer Museen, man schiebt sich lieber über de Kirmes und, sagen wir es ruhig, entdeckt den Tanz. Dies wird polizeilicherseits zwar sofort verboten, doch – wir befinden uns im Ruhrgebiet – eine ausgeprägte Bereitschaft zur Vereinsbildung ist bereits vorhanden, es müssen ja nicht immer nur Brieftauben sein. Chronisten sprechen von einem wahrhaften Gründungsfieber sogenannter "Freizeit- und Geselligkeitsvereine". Hinter verschlossenen Türen ("Einführung durch Mitglieder gestattet") die beliebten "Tanzkränzchen", alles in allem schon recht muntere Veranstaltungen, in denen Herren anwesende Damen um einen zwanglosen "Schieber" bitten. Je härter die Arbeit, desto unschuldiger das Vergnügen? Im Duisburger "Wintergarten" sind im Jahre 1912 "die zusammengewachsenen Schwestern Rosa u. Josefa Blazek mit ihrem Sohne Franzl" zu besichtigen ("lebend"). Auf dem Mollkeplatz von Bochum eröffnet "Neumann’s Museum für Anatomie, Ethnologie und Naturwissenschaft" und zeigt, was das Herz begehrt. "Asiatische Pest, der Aussatz oder Lepra – alle halbe Stunde Vortrag und Zerlegung der Präparate".

Längst gilt: Kein Rummel ohne ordentliche Völkerschau. Afrika in Essen. Das ist es, wie der Hamburger Carl Hagenbeck meint, wonach es den Ruhrmenschen ganz besonders dringend verlangt. "Fremde, wilde Menschen" – halbe Stämme werden in dem 1919 errichteten Zirkusgebäude an Essens Dinnendahlstraße auf die Bühne gestellt. Abgerissen wird das "Theater" im Jahre 1937. Genug der Propaganda. Das Vergnügen geht zu Ende.