Von Gudula Hörr

Die Luft ist rein in Sosnowij Bor. Eine erfrischende Meerbrise, vermischt mit Kieferngeruch, weht über die sandigen Wege des Kleinstädtchens, achtzig Kilometer westlich von Sankt Petersburg. In der Herbstsonne spielen Kinder, am Flußufer angeln die Alten. Einzig der an der Hauptpost angebrachte Dosimeter beeinträchtigt die herbstliche Idylle, mahnt daran, daß die Stadt kein friedlicher Kurort ist, sondern die größte Ansammlung nuklearen Sprengstoffs in ganz Europa.

Sieben teils völlig veraltete Reaktorblöcke, ein stetig anwachsender Berg strahlenden Atommülls und ein Heer von Atomphysikern sind in Sosnowij Bor in einem Radius von wenigen Kilometern zusammengeballt. "Nuklear City" nennt darum auch der Physiker Oleg Bodrow die 60 000-Einwohner-Stadt, in der er selbst lange Jahre am militärischen Forschungsinstitut NITI gearbeitet hat und nun eine ökologische Firma leitet. "Sosnowij Bor ist ein Pulverfaß. Jeden Moment kann sich hier eine nukleare Katastrophe ereignen, die alles Leben in der Ostsee für Hunderte von Jahren zerstören wird."

Wiederholt waren im Sosnowij Borer RBMK-1000, einem aus den siebziger Jahren stammenden Kernkraftwerk vom Tschernobyl-Typ, Störfälle aufgetreten, von denen die meisten jedoch lange Zeit totgeschwiegen wurden. 1975 wäre es fast zu einer unkontrollierbaren Katastrophe gekommen, als im Block 1 des Kraftwerkes mehrere Brennelemente schmolzen. Anfang dieses Jahres hatten schwedische Kernkraftinspektoren nach einem Besuch des Kraftwerkes Sicherheitsbedenken geäußert. Wenig später, am 24. März, schienen sich bereits ihre Befürchtungen zu bewahrheiten, die Weltöffentlichkeit war alarmiert: Ein Leck war im Kühlsystem des Reaktorblocks 3 aufgetreten, radioaktives Jod und Edelgase wurden freigesetzt. Kurz danach wurden in einer hundert Kilometer entfernten finnischen Meßstation leicht erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen. "Im März haben wir noch Glück gehabt", so Bodrow. Schließlich sei es nicht zum gefürchteten GAU gekommen.

Der hängt aber nach wie vor wie ein Damoklesschwert über der Nuklear-Stadt. Nicht nur wegen des berüchtigten Reaktortyps und dessen konstruktiven Mängel fürchtet Bodrow eine derartige Katastrophe. Vor allem bereitet ihm der altersbedingte Verschleiß der Blöcke Sorge. Materialermüdung und Zerfall, Defizite bei Reparatur und Wartung, unzuverlässige Kontrollinstrumente – all dies läßt die Reaktoren von Jahr zu Jahr zu einem größeren Sicherheitsrisiko werden. "Wer weiß", so der Physiker, "ob der Störfall im März nicht die letzte Warnung gewesen ist?"

Wenn sie es war, verhallte sie jedenfalls ungehört. Ein halbes Jahr nach dem Störfall geht das Leben in Sosnowij Bor seinen gewohnten Gang. Block 3 des insgesamt aus vier Blöcken bestehenden Kernkraftwerkes ist schon lange wieder in Betrieb und arbeitet auf Hochtouren. Neben diesen vier Blöcken des Kernkraftwerkes gibt es in Sosnowij Bor noch drei weitere Reaktorblöcke des Forschungsinstituts NITI. Ein weiterer Block, der insgesamt achte in Sosnowij Bor, wird derzeit gebaut. Wie Riesenbauklötze ragen am Ortsrand die graublauen Reaktoren in den Himmel, im Niemandsland zwischen Stadt und Ostsee. Unablässig saugen sie Zehntausende von Litern Meerwasser auf, um es wenig später, auf mehr als dreißig Grad Celsius erhitzt, wieder in den Finnischen Meerbusen auszuspeien.

Nichts verdeutlicht die eigene Welt Sosnowij Bors wohl mehr als dieser dampfende Strom, der sich unerschöpflich vom Kraftwerk ins Meer ergießt. Sommers wie winters tummeln sich in ihm nackt die Kinder des Ortes, während aus der Ferne das endlose Surren der Elektrizitätsleitungen ertönt. Gleich ihren Eltern, die eifrig die Wälder nach Pilzen und Beeren durchforsten, bleiben auch die Kinder ungerührt von den monumentalen Reaktoren am Rande der Stadt, in deren Schatten sie baden. An ihnen vorbei zieht nach Dienstschluß eine Schar von Kraftwerksangestellten, für die der dampfende Strom einen idealen Fischgrund darstellt. "Schließlich", so ein Fischer, "sind die Fische bei uns genausogut wie anderswo. Nur größer, und mehr." Dieses ganze Gerede von einer Zeitbombe in Sosnowij Bor könne er nicht mehr hören. Schließlich ticke die doch hier so wie überall.