BUCHHEIM/EHINGEN. – Kann die Existenz eines Ortes allein dadurch bewiesen werden, daß irgendein Mensch behauptet, dort in einer Gastwirtschaft gesessen zu haben? Wäre es denkbar, daß jener Ort womöglich anderntags zusammen mit der Jacke jenes Menschen vom Erdboden verschwunden ist, nur weil uns die Telephonauskunft der Telekom dies weismachen will? Natürlich, wird der Leser an dieser Stelle einwerfen, ist es durchaus möglich, daß diese Welt nichts als der Traum eines schlafenden Hundes sei. Doch wir hätten die Eingangsfragen nie gestellt, wüßten wir nicht, daß am Ende doch noch alles gut wird, weil der Rundfunk- und Fernsehjournalist in seiner Verzweiflung statt der Telekom eben die Südwestfunk-Hörerschaft bemühte. Mit dem Ergebnis, daß nicht nur des Journalisten Jacke und der gesuchte Ort wieder aufgetaucht sind, sondern ferner dessen Gastwirt Fritz, der zugleich auch der Bürgermeister ist und für die Gemeinde Buchheim bei Tuttlingen eine neue Telephonvorwahl und obendrein eine andere Postleitzahl fordert. Doch beginnen wir von vorne. Hübsch der Reihe nach.

Der Journalist Gunter Haug also sitzt in Fritzens Gasthaus "Zum Freien Stein" zu Buchheim, speist dort nicht nur, sondern vergißt auch seine Jacke. Tags darauf merkt er’s, ruft die Telephonauskunft an, fragt nach "Buchheim im Kreis Tuttlingen" – vergeblich: "Es gibt kein Gasthaus ‚Freier Stein‘. Und dieses Buchheim gibt’s auch nicht."

Haug kann das nicht glauben: "Erst gestern hab’ ich dort gegessen." Die Auskunft schaut noch einmal nach: Buchheim im Kreis Tuttlingen? Nein, ausgeschlossen, das tauche nirgends auf.

Die Geschichte hat trotz aller postalischer Hürden ein Happy-End. Haug, solchermaßen an der Telekom gescheitert, versucht es drahtlos über den Äther und schildert sein Erlebnis im Südwestfunk. Und weil Bürgermeister Fritz zufällig das Radio aufgedreht hat, erhält Haug die Jacke zurück.

Nun hat nicht jeder einen Rundfunksender zur Hand, um die Telekom zu umgehen. Und daß Buchheim eben die (eigentlich zum Kreis Sigmaringen passende) Vorwahl 07777 hat und nicht eine Tuttlinger, zeitigt auch weniger spaßige Auswirkungen: Wer in Buchheim den Notruf 112 wählt, landet keineswegs dort, wo er zweckmäßigerweise landen sollte: bei der Einsatzzentrale in Tuttlingen nämlich. Sein Anruf nimmt statt dessen den Weg zur Ortsvermittlungsstelle in Sauldorf, die ihn postum nach Sigmaringen schaltet. Die Sigmaringer Polizei alarmiert ihrerseits die Sigmaringer Feuerwehrleitstelle. Und die Sigmaringer Feuerwehrleitstelle greift dann zum ganz normalen Telephon und informiert die Tuttlinger Kollegen darüber, daß es in deren Landkreis brenne.

Natürlich stehen in Buchheim nicht nur Häuser in Flammen. Es gibt auch medizinische Notfälle. Und weil auch dann der Notruf in Sigmaringen aufläuft, kann es den Buchheimern passieren, daß nicht der Tuttlinger Krankenwagen ausrückt, sondern die Rettungssanitäter aus dem gut zehn Kilometer weiter entfernten Sigmaringen auf den Weg geschickt werden. Das kann – wo, es auf die Minute ankommt – lebensgefährlich werden. Oder zumindest unbequem, weil der Sigmaringer Krankenwagen die Patienten nicht ins Tuttlinger, sondern ins Sigmaringer Krankenhaus zu bringen pflegt. Und wer von Buchheim aus mit dem Omnibus ins Sigmaringer Krankenhaus will, um dort Bekannte zu besuchen, braucht einen langen Atem: "Wir kommen mit dem Bus ja kaum nach Tuttlingen", klagt der Bürgermeister.

Wer also telephonisch Buchheim erreichen will, schafft das ohne die nötigen Vorkenntnisse nicht, zumal die Gemeinde im Amtlichen Telephonbuch 103, das eigentlich den ganzen Kreis Tuttlingen umfassen sollte, gar nicht auftaucht. Umgekehrt aber landet in Buchheim mancher Anrufer, der dort gar nicht hinwill. Das Rathaus im benachbarten Sauldorf hat nicht die Vorwahl von Sauldorf, sondern von Wald, weil die Vorwahl von Sauldorf das Bürgermeisteramt Buchheim hat. "Wenn jemand das Bürgermeisteramt Sauldorf will und sich nicht auskennt", sagt Fritz, "dann ruft der bei uns in Buchheim an."