Das Geld vom Feind ist der beste Freund – Seite 1

Der meterhohe rote Schriftzug "Venceremos" auf der Mauer gegenüber dem Revolutionsmuseum von Havanna wirkt wie blanker Hohn. Nur drei Straßen weiter bietet Kubas Hauptstadt ein Bild der Trostlosigkeit. Ganze Viertel der alten Prachtstadt sind zusammengefallen, und beim nächsten Sturm oder großen Regen werden wieder einige Dächer einstürzen. "Wir werden siegen"? Die Zwei-Millionen-Metropole ist augenfälliges Symbol dafür, daß Fidel Castros Revolution von 1959 in Trümmern liegt.

Wie so viele der zehn Millionen Kubaner ist Elisa Gutierrez, die im ersten Stock eines schon halb verfallenen Hauses im Zentrum von Havanna lebt, auf ihren Staatspräsidenten Castro nicht gut zu sprechen. Die 65jährige blickt von ihrer verrosteten Nähmaschine auf und schimpft verbittert auf den máximo líder, ohne dessen Namen auch nur in den Mund zu nehmen. "Wir sind 33 Jahre im Rückstand, seit dieser Herr am Ruder ist." Hart sei das Leben, klagt sie, weil es nicht einmal mit der libreta, dem Bezugscheinbuch, etwas zu kaufen gebe. Nur sechs Pfund Reis bekomme sie für ihre Familie im ganzen Monat. "Das ist nichts. Für Kubaner ist ein Essen ohne Reis keine Mahlzeit." Rindfleisch habe sie schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen, und die tiefgefrorenen Hühnerbeine, die sie wie einen Schatz im Kühlschrank lagert, hätten sie auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen gekostet.

Es mangelt an allem. Manchmal gibt es in der düsteren Cafeteria an der Ecke des baumbestandenen Boulevards Prado Kaffee, aber im Moment fehlt es an Tassen oder Gläsern, aus denen man ihn trinken könnte. Die Kubaner nehmen ihren cafecito daher aus mitgebrachten Senf- oder Ketchup-Gläsern. Aus Mangel an Papier erscheint auf der Insel nur noch die Parteizeitung Granma, und auch die hat nur noch acht Seiten. Die Insel-Prawda verdankt aber den wohl größten Teil ihrer Nachfrage dem Umstand, daß kein Toilettenpapier zu bekommen ist. Auch Ersatzteile für Autos und Maschinen gibt es nicht. Kein Wunder, daß ein Traktor, dem ein Vorderrad fehlt, abenteuerlich schaukelnd über eine von Schlaglöchern übersäte Hauptstraße Havannas donnert. Der private Autoverkehr ist längst zum Erliegen gekommen. Benzin bekommt nur, wer entweder einen guten Grund zum Fahren schriftlich vorweisen kann, wer enge Beziehungen zur Partei hat oder wer Tourist ist. Glücklich kann sich schätzen, wer ein Fahrrad besitzt. Auf den Feldern ziehen aus Mangel an Treibstoff Ochsen die Pflüge vierspännig.

Gleichwohl wird die in Europa und Nordamerika verbreitete Erwartung, das politische Ende des Staats- und Parteichefs Castro müßte unmittelbar bevorstehen, der kubanischen Realität nicht gerecht. Selbst Elizardo Sánchez, ein unerschrockener Oppositioneller, der wegen seiner Kritik an Castro von 1980 an achteinhalb Jahre im Gefängnis verbringen mußte, kann solche Hoffnung nur als "reines Wunschdenken" bezeichnen. "Nach meiner Meinung hat die Regierung noch einen enormen Einfluß auf die Gesellschaft", sagt der 48jährige Führer der kubanischen Kommission für Menschenrechte, der früher einmal Professor für Philosophie an der Universität von Havanna war. "Diese Regierung hat noch eine breite Basis." Der mittlerweile 65jährige Castro kann sich nach 32 Jahren unumschränkter Herrschaft immer noch zunutze machen, daß Kuba seine Revolution von 1959 nicht von der Sowjetunion mit Waffengewalt verordnet bekam wie die osteuropäischen Länder. Die Kubaner haben den Umsturz auf breiter Front unterstützt, und die Generation derjenigen, die mit Castro den Diktator Fulgenico Batista verjagte, ist großenteils noch am Leben. Gerade für die älteren Kubaner ist "Fidel", wie der Präsident im Lande genannt wird, weiterhin ein Heiliger. "Ich bin kein Sozialist, ich bin Fidelist", erklärt ein kubanischer Journalist aus der Generation der Revolutionskämpfer. Täglich liefert er seiner internationalen Nachrichtenagentur Meldungen über die miserable Lage im Lande. Aber einen Ausweg aus diesem Desaster kann er sich ohne Castro gar nicht vorstellen.

Die meisten jungen Menschen allerdings haben offenbar die Nase voll vom Sozialismus, der ihnen allenfalls wie die Herrschaft des ewigen Mangels erscheint und der einen Durchschnittslohn von allenfalls 200 Pesos bringt – auf dem Schwarzmarkt nicht mehr als fünf Dollar. "Ich sehe überhaupt nicht ein, warum ich jahrelang studiert habe, um heute 300 Pesos zu verdienen, mit denen ich nicht einmal etwas kaufen kann", macht Antonio, ein 35jähriger Maschinenbau-Ingenieur, seinem Unmut Luft, obwohl er zu den Besserverdienenden gehört. Auch der 26jährige Miguel, der jeden Abend in einem Touristenhotel als Sänger auftritt, hat ganz und gar unsozialistische Gedanken im Kopf. "Ich will nicht nur das gleiche verdienen wie die anderen. Ich will einen Anreiz, damit es sich lohnt, sich anzustrengen."

Aber Castro knüppelt jede Art von Kritik mit seinem Unterdrückungs-, Polizei- und Überwachungssystem nieder. Die gnadenlose Härte des Diktators versetzt das Volk in Angst. Er brachte Tausende von Kubanern aus politischen Gründen ins Gefängnis und schreckt nicht einmal davor zurück, selbst alte Kampfgefährten hinzurichten, weil sie vorsichtige Kritik äußerten. Die Kubaner reden daher nur anonym vom cambio, dem dringend notwendigen Wechsel. "Wir haben hier einen der effektivsten Repressionsapparate der Welt", weiß der Dissident Sánchez, einer der führenden Kräfte einer sozialdemokratischen Untergrundopposition. Sänchez, der gerade wieder einmal ein Wochenende hinter Gittern verbringen mußte, zeigt als Beleg für die Wucht der Staatsgewalt den Abdruck eines Militärstiefels auf seiner Haustür. Zwischen einem und fünf Jahren könne der Wechsel noch auf sich warten lassen, meint der Menschenrechtler.

Der Mangel ist auch kein neuer Gast auf der fruchtbaren Antilleninsel. Schon seit Castro die Macht übernahm, gibt es das Nötigste zum Leben nur rationiert. Aber der Zusammenbruch der Sowjetunion zwang die kubanische Wirtschaft endgültig in die Knie. Von einem Tag auf den anderen war die Insel von 85 Prozent ihres Außenhandels abgeschnitten. Kubas Wirtschaft, die vor der Revolution total von den Vereinigten Staaten abhing, war nachher vollständig auf den Handel mit der Sowjetunion und den Comecon-Staaten angewiesen. Kuba lieferte den Russen Zuckerrohr, das traditionell siebzig Prozent des Exports ausmachte, und bekam dafür Rohöl. Doch kann es sich heute Rußland nicht mehr leisten, Kubas Zucker zu exorbitanten Vorzugspreisen abzunehmen, und beschränkt sich auf Bezahlung zu den Konditionen des Weltmarkts. Umgekehrt muß Kuba nun bei den einstigen Freunden das Rohöl in Devisen bezahlen. Das Ergebnis is ein Strudel, der die gesamte kubanische Wirtschaft nach unten zieht. Denn Castro, dessen Landsleute Jahr für Jahr von den Russen mit etwa je einem Dollar pro Tag subventioniert wurden, hat es in seiner dreißigjährigen Regierungszeit versäumt, die Abhängigkeit der Insel vom Zucker und seinen sinkenden Weltmarktpreisen abzubauen.

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Heute kann sich das mit acht Milliarden Dollar im westlichen Ausland verschuldete Kuba nur noch den Import von sechs Millionen Tonnen Rohöl im Jahr leisten. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was die Kubaner noch Ende der achtziger Jahre verbrauchen durften. Der Strom muß heute auf der ganzen Insel stundenweise abgeschaltet werden, weil das Öl für die Kraftwerke fehlt. Die Industrie kann nur noch beschränkt arbeiten.

Vor allem die Landwirtschaft ist behindert. Weil die Maschinen nicht mehr repariert werden können oder die Ernte aus Treibstoffmangel liegenbleibt, geht der Zuckerexport ständig zurück, und der Teufelskreis schließt sich. Im vergangenen Jahr wurden nach Regierungsangaben nur noch sieben Millionen Tonnen Zucker geerntet, eine Million Tonnen weniger als im Jahr davor. Offizielle Statistiken gibt es seit Mitte 1990 nicht mehr. Die Regierung hat aufgehört, Zahlen zu veröffentlichen, aus denen der Bankrott Kubas leicht abzulesen wäre. Doch für das Maß der menschlichen Not fehlen ohnehin Tabellen. "In Kuba gibt es bereits Hunger", berichtet ein Pfarrer vom Lande.

Dennoch unterscheidet sich Castros Inselrepublik noch vom lateinamerikanischen Umfeld. Rund um Havanna oder um die zweitgrößte Stadt Santiago gibt es nicht die ausufernden Elendsgürtel wie in Mexiko-Stadt, Lima oder Rio. In Kuba sind Kinder ohne Schuhe noch eine seltene Ausnahme. In Kuba ist scheinbar sogar die Armut sozialisiert. Auf der Insel gibt es keine bettelarmen Massen. Aber auch niemanden, Spitzenfunktionäre der Partei ausgenommen, der mit noch so bescheidenem Reichtum protzen könnte.

Der katastrophale Mangel gefährdet nun aber auch die letzten Erfolge der Revolution, das Schulwesen und das in ganz Amerika einmalige Gesundheitssystem, das jedem Bürger freie ärztliche Behandlung sichert. Noch scheinen die über das ganze Land verteilten Krankenhäuser und Familienärzte leidlich arbeitsfähig zu sein. Aber Medikamente sind nicht mehr zu bekommen. Die Apotheken sind leer. "Die Situation ist sehr kritisch", berichtet eine Ärztin. "Jetzt beginnen auch Castros soziale Errungenschaften zusammenzubrechen", beschreibt ein westlicher Diplomat die Entwicklung. "Das ist wirklich tragisch."

Die Tropeninsel hat sich mittlerweile in einen einzigen großen Schwarzmarkt verwandelt, auf dem 85 Prozent aller Waren umgesetzt werden, meist im mühsamen Realtausch: ein Fahrradschlauch gegen ein halbes Hühnchen, zwei Tonbandcassetten gegen ein Hemd. "Hier gibt es gar keine Wirtschaft mehr, hier ist nur noch Chaos", beschreibt der Castro-Kritiker und Ökonom Vladimiro Roca die Lage.

Es ist für die Kubaner unendlich mühsam, die Dinge des täglichen Lebens zu organisieren, und gelegentlich wird auch Fremden klar, woher der schwarze Markt seinen Namen hat. Es ist schon zwei Stunden dunkel, als sich der Tankanzeiger des Mietautos bedenklich dem Nullpunkt nähert. Doch der Tankwart an einer düsteren Zapfstelle in der noch hundert Kilometer von Havanna entfernten Stadt Matanzas bedauert: "Wir haben kein Benzin." Auch an der nächsten Tankstelle gibt es statt zwanzig Liter Super nur ein Achselzucken. Nach langen Minuten der Ratlosigkeit bietet ein überraschend aus der Dunkelheit aufgetauchter junger Motorradfahrer im Flüsterton: "Zwanzig Liter für fünfzehn Dollar." Er lotst uns in die wohl finstersten Ecken der ohnehin unbeleuchteten Stadt. Wie von langer Hand vorbereitet, reicht eine dunkle Gestalt einen schweren Kanister über einen Stacheldrahtzaun. Die Heimfahrt ist gerettet. Vor allem aber haben zwei Kubaner ein dickes Geschäft gemacht. Der Vermittler bekommt fünf Dollar, zehn der Verkäufer.

Ausgerechnet die Währung des Erzfeindes USA, der das seit fast dreißig Jahren gegenüber Kuba bestehende Embargo gerade noch verschärft hat, ist das begehrteste Zahlungsmittel auf der Insel. Weil es für Pesos in den leeren Läden nur selten etwas zu kaufen gibt, sind die Kubaner fein heraus, die Dollars besitzen. Damit ist in Devisenläden alles zu haben, was sonst nur zu Horrorpreisen der Schwarzmarkt bietet: Schuhe, Kleidung oder Elektrogeräte. Dem Normalverbraucher schon fast unbekannte Lebensmittel wie Fleisch oder Butter, von denen die Regierung behauptet, sie seien auf der Insel nicht zu haben, weil die Amerikaner Kuba blockieren, füllen riesige Tiefkühltheken.

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Allerdings dürfen Kubaner diese prall gefüllten Läden nicht betreten. Sie dürfen auch keinen Dollar besitzen. Der Polizei gefällt es, auf der Suche nach verbotenen Devisen die Bürger auf offener Straße zu demütigen und sie ihre Taschen ausleeren oder Schuhe und Strümpfe ausziehen zu lassen. Und dennoch sind die Devisenläden von Insulanern überfüllt, von denen anzunehmen ist, daß sie ohne Dollars gar nicht überleben könnten. Trotz der Gefahr, wegen des Besitzes einiger Dollars für Monate ins Gefängnis zu gehen, nimmt der Schwarztausch auf offener Straße täglich zu. Vierzig Pesos werden derzeit für einen Dollar bezahlt, ein Drittel des durchschnittlichen Monatsgehaltes in Kuba. Vor einigen Monaten hätten noch zwanzig Pesos gereicht.

Allerdings ist es für einen Ausländer reizlos, auch nur einen Dollar auf der Straße umzuwechseln. Für Fremde ist der Peso wertlos. Ausländer werden von der Regierung offenbar als reine Dollar-Lieferanten betrachtet und bekommen stets eine Rechnung in Devisen. Castro hat zu diesem Zweck eine regelrechte Apartheid eingeführt. Ausländer und Kubaner müssen in verschiedenen Restaurants essen. Urlauberhotels sind für Kubaner Tabuzonen, ja selbst von ihren Stränden müssen sich die Einheimischen durch grimmige Polizisten verjagen lassen.

Die Folge der verzweifelten Jagd nach dem Dollar ist eine unbegrenzte Prostitution. Die Foyers der Ausländerhotels, die Eingänge der Touristenrestaurants, die Boulevardmeile des Prado oder Havannas lange Uferstraße Malecon wimmeln des Nachts von Mulattinnen, die sich für ein Bier oder ein paar Dollars Touristen an den Hals werfen. Die 23jährige Marlene erzählt auf dem Prado, was sie vom Staat an Kleidung bekomme, sei wenig, schlecht und häßlich. "Ich will mir auch schöne Kleider kaufen können." Carmen macht sich auf den Stufen der Kathedrale an Fremde heran, weil sie ein Fahrrad braucht. Junge Männer verlegen sich auf kleine Räubereien, verkaufen Havanna-Zigarren zweiter Wahl zu erstklassigen Preisen an Touristen, vermitteln Mädchen oder betätigen sich als Fremdenführer.

Der Tourismus soll die ganz schnelle Wende zum Besseren bringen. Lange Zeit galt der Fremdenverkehr bei Castro als hochgefährlich, weil er befürchtete, Ausländer könnten den demokratischen Virus einschleppen. Zudem fürchtete der Staatschef zunehmenden Drogenhandel und Prostitution. Doch jetzt müssen Kubas weiße Strände dran glauben. Gewaltige Expansionspläne stehen auf dem Programm, dasCastros politisches Überleben sichern soll. Aus 400 000 Touristen, die in diesem Jahr auf die Insel kommen, sollen in drei Jahren schon eine Million werden. In den Touristenzentren beherrschen daher zur Zeit Baukräne das Bild. Selbst sonntags wird gemauert, damit die Hotelkästen schneller fertig werden, die Castro neuerdings sogar von ausländischem Kapital mitfinanzieren läßt. "Der Tourismus bietet den Vorteil, daß die Investitionen schon in drei Jahren wieder hereinkommen", freut sich Carlos Garcia, der Vizepräsident der offiziellen Tourismusgesellschaft Cubanacan, über das neue devisenbringende Allheilmittel. Sogar gegen die Prostitution könne der Massentourismus wirken. "Dann geht es uns besser, und die jungen Mädchen haben das nicht mehr nötig."

Nüchterne Betrachtung der Dinge ist anderen vorbehalten, zum Beispiel Vladimiro Roca, dem oppositionellen Ökonomen, der vor einem halbem Jahr seinen Posten bei einer staatlichen Wirtschaftsbehörde verlor. "Das ist nichts als Propaganda", sagt der zurückhaltend wirkende Mann über den Tourismus-Wahn. Er rechnet vor, daß von jedem Fremden nur 120 Dollar Reingewinn im Lande bleiben. Selbst eine Million Ausländer brächten daher bloß 120 Millionen Dollar in die gähnend leere Staatskasse. Bei der in Milliarden bemessenen Devisenknappheit wäre das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. "Eine Lösung für unsere Probleme kann der Tourismus daher nicht werden."

Auf der Suche nach Devisen hat Castro daher auch die letzten sozialistischen Prinzipien über Bord geworfen. Nun will er ausländisches Kapital ins Land holen, damit Erdöl gefördert werden kann und die marode Industrie wieder in Schwung kommt. Der Kapitalist hat als Feindbild ausgedient und kann sogar die Regeln bestimmen, indem er eine Mehrheit an einer Gesellschaft erwirbt. "Wer mit uns ein Geschäft machen will, wird doch nicht als Feind betrachtet", meint werbend Octavio Castillo, der Vizepräsident des kubanischen Komitees für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Cece). Sechzig solcher gemischten Unternehmen gibt es schon, die meisten allerdings sind Hotels, die mit ausländischem Kapital finanziert werden.

Der Andrang ausländischer Investoren bei Industriebetrieben hält sich in Grenzen. Wie nötig aber ausländisches Kapital und Know-how ist, beweist ausgerechnet Ché Guevara. Nach dem im Volk noch immer hochverehrten toten Kampfgenossen Castros ist im Osten Kubas eine Nickelfabrik benannt, für die der Ausdruck "Dreckschleuder" ein Euphemismus wäre. Die von den Russen gebaute Anlage sieht aus, als hätte sie schon dreißig Jahre auf dem Buckel. Dabei läuft diese Fabrik erst seit 1986. Dicker schwarzer Rauch qillt aus dem Rohrlabyrinth, als sei tief in der mächtigen Anlage ein Brand ausgebrochen. Alle Dächer, Rohrleitungen und der Erdboden sind vom Rost und dem Staub des verarbeiteten Materials leuchtend gelblichrot gefärbt. Dampf und Flüssigkeiten entweichen aus undichten Leitungen, es faucht furchterregend, und in der Luft hängt beißender Gestand von Ammoniak.

Das Werk ist nur zur Hälfte ausgelastet, weil es an Rohöl fehlt. Aber das ist für kubanische Verhältnisse noch ein guter Wert. In anderen Industrien sieht es noch schlechter aus. Vladimiro Roca, der Ökonom der sozialdemokratischen Untergrundopposition, hält Zahlen für die Effizienz der kubanischen Wirtschaft bereit, die unglaublich klingen. Die Metallindustrie sei nur noch zu 35 Prozent ausgelastet. Die Textilindustrie kommt zwar auf etwa 60 Prozent, ist aber traditionell ein riesiges Verlustloch. In der mittlerweile stillgelegten Zuckerverarbeitung haben die Verluste sogar den Umsatz überstiegen, klagt Roca. Und das liegt seiner Meinung nach nicht an der Blockade durch die Amerikaner. Für ihn ist das langjährige Hauptübel der kubanischen Industrie, daß die Spitzen der Fabriken von Parteifunktionären besetzt sind, die von ihrem Gewerbe nichts verstehen und Widerspruch ihrer Fachleute nicht dulden. "Der Staat ist das größte Hindernis in der Wirtschaft", klagt der Ökonom, "und die Regierung hat keine Antwort auf das Desaster."