Heute kann sich das mit acht Milliarden Dollar im westlichen Ausland verschuldete Kuba nur noch den Import von sechs Millionen Tonnen Rohöl im Jahr leisten. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was die Kubaner noch Ende der achtziger Jahre verbrauchen durften. Der Strom muß heute auf der ganzen Insel stundenweise abgeschaltet werden, weil das Öl für die Kraftwerke fehlt. Die Industrie kann nur noch beschränkt arbeiten.

Vor allem die Landwirtschaft ist behindert. Weil die Maschinen nicht mehr repariert werden können oder die Ernte aus Treibstoffmangel liegenbleibt, geht der Zuckerexport ständig zurück, und der Teufelskreis schließt sich. Im vergangenen Jahr wurden nach Regierungsangaben nur noch sieben Millionen Tonnen Zucker geerntet, eine Million Tonnen weniger als im Jahr davor. Offizielle Statistiken gibt es seit Mitte 1990 nicht mehr. Die Regierung hat aufgehört, Zahlen zu veröffentlichen, aus denen der Bankrott Kubas leicht abzulesen wäre. Doch für das Maß der menschlichen Not fehlen ohnehin Tabellen. "In Kuba gibt es bereits Hunger", berichtet ein Pfarrer vom Lande.

Dennoch unterscheidet sich Castros Inselrepublik noch vom lateinamerikanischen Umfeld. Rund um Havanna oder um die zweitgrößte Stadt Santiago gibt es nicht die ausufernden Elendsgürtel wie in Mexiko-Stadt, Lima oder Rio. In Kuba sind Kinder ohne Schuhe noch eine seltene Ausnahme. In Kuba ist scheinbar sogar die Armut sozialisiert. Auf der Insel gibt es keine bettelarmen Massen. Aber auch niemanden, Spitzenfunktionäre der Partei ausgenommen, der mit noch so bescheidenem Reichtum protzen könnte.

Der katastrophale Mangel gefährdet nun aber auch die letzten Erfolge der Revolution, das Schulwesen und das in ganz Amerika einmalige Gesundheitssystem, das jedem Bürger freie ärztliche Behandlung sichert. Noch scheinen die über das ganze Land verteilten Krankenhäuser und Familienärzte leidlich arbeitsfähig zu sein. Aber Medikamente sind nicht mehr zu bekommen. Die Apotheken sind leer. "Die Situation ist sehr kritisch", berichtet eine Ärztin. "Jetzt beginnen auch Castros soziale Errungenschaften zusammenzubrechen", beschreibt ein westlicher Diplomat die Entwicklung. "Das ist wirklich tragisch."

Die Tropeninsel hat sich mittlerweile in einen einzigen großen Schwarzmarkt verwandelt, auf dem 85 Prozent aller Waren umgesetzt werden, meist im mühsamen Realtausch: ein Fahrradschlauch gegen ein halbes Hühnchen, zwei Tonbandcassetten gegen ein Hemd. "Hier gibt es gar keine Wirtschaft mehr, hier ist nur noch Chaos", beschreibt der Castro-Kritiker und Ökonom Vladimiro Roca die Lage.

Es ist für die Kubaner unendlich mühsam, die Dinge des täglichen Lebens zu organisieren, und gelegentlich wird auch Fremden klar, woher der schwarze Markt seinen Namen hat. Es ist schon zwei Stunden dunkel, als sich der Tankanzeiger des Mietautos bedenklich dem Nullpunkt nähert. Doch der Tankwart an einer düsteren Zapfstelle in der noch hundert Kilometer von Havanna entfernten Stadt Matanzas bedauert: "Wir haben kein Benzin." Auch an der nächsten Tankstelle gibt es statt zwanzig Liter Super nur ein Achselzucken. Nach langen Minuten der Ratlosigkeit bietet ein überraschend aus der Dunkelheit aufgetauchter junger Motorradfahrer im Flüsterton: "Zwanzig Liter für fünfzehn Dollar." Er lotst uns in die wohl finstersten Ecken der ohnehin unbeleuchteten Stadt. Wie von langer Hand vorbereitet, reicht eine dunkle Gestalt einen schweren Kanister über einen Stacheldrahtzaun. Die Heimfahrt ist gerettet. Vor allem aber haben zwei Kubaner ein dickes Geschäft gemacht. Der Vermittler bekommt fünf Dollar, zehn der Verkäufer.

Ausgerechnet die Währung des Erzfeindes USA, der das seit fast dreißig Jahren gegenüber Kuba bestehende Embargo gerade noch verschärft hat, ist das begehrteste Zahlungsmittel auf der Insel. Weil es für Pesos in den leeren Läden nur selten etwas zu kaufen gibt, sind die Kubaner fein heraus, die Dollars besitzen. Damit ist in Devisenläden alles zu haben, was sonst nur zu Horrorpreisen der Schwarzmarkt bietet: Schuhe, Kleidung oder Elektrogeräte. Dem Normalverbraucher schon fast unbekannte Lebensmittel wie Fleisch oder Butter, von denen die Regierung behauptet, sie seien auf der Insel nicht zu haben, weil die Amerikaner Kuba blockieren, füllen riesige Tiefkühltheken.