Allerdings dürfen Kubaner diese prall gefüllten Läden nicht betreten. Sie dürfen auch keinen Dollar besitzen. Der Polizei gefällt es, auf der Suche nach verbotenen Devisen die Bürger auf offener Straße zu demütigen und sie ihre Taschen ausleeren oder Schuhe und Strümpfe ausziehen zu lassen. Und dennoch sind die Devisenläden von Insulanern überfüllt, von denen anzunehmen ist, daß sie ohne Dollars gar nicht überleben könnten. Trotz der Gefahr, wegen des Besitzes einiger Dollars für Monate ins Gefängnis zu gehen, nimmt der Schwarztausch auf offener Straße täglich zu. Vierzig Pesos werden derzeit für einen Dollar bezahlt, ein Drittel des durchschnittlichen Monatsgehaltes in Kuba. Vor einigen Monaten hätten noch zwanzig Pesos gereicht.

Allerdings ist es für einen Ausländer reizlos, auch nur einen Dollar auf der Straße umzuwechseln. Für Fremde ist der Peso wertlos. Ausländer werden von der Regierung offenbar als reine Dollar-Lieferanten betrachtet und bekommen stets eine Rechnung in Devisen. Castro hat zu diesem Zweck eine regelrechte Apartheid eingeführt. Ausländer und Kubaner müssen in verschiedenen Restaurants essen. Urlauberhotels sind für Kubaner Tabuzonen, ja selbst von ihren Stränden müssen sich die Einheimischen durch grimmige Polizisten verjagen lassen.

Die Folge der verzweifelten Jagd nach dem Dollar ist eine unbegrenzte Prostitution. Die Foyers der Ausländerhotels, die Eingänge der Touristenrestaurants, die Boulevardmeile des Prado oder Havannas lange Uferstraße Malecon wimmeln des Nachts von Mulattinnen, die sich für ein Bier oder ein paar Dollars Touristen an den Hals werfen. Die 23jährige Marlene erzählt auf dem Prado, was sie vom Staat an Kleidung bekomme, sei wenig, schlecht und häßlich. "Ich will mir auch schöne Kleider kaufen können." Carmen macht sich auf den Stufen der Kathedrale an Fremde heran, weil sie ein Fahrrad braucht. Junge Männer verlegen sich auf kleine Räubereien, verkaufen Havanna-Zigarren zweiter Wahl zu erstklassigen Preisen an Touristen, vermitteln Mädchen oder betätigen sich als Fremdenführer.

Der Tourismus soll die ganz schnelle Wende zum Besseren bringen. Lange Zeit galt der Fremdenverkehr bei Castro als hochgefährlich, weil er befürchtete, Ausländer könnten den demokratischen Virus einschleppen. Zudem fürchtete der Staatschef zunehmenden Drogenhandel und Prostitution. Doch jetzt müssen Kubas weiße Strände dran glauben. Gewaltige Expansionspläne stehen auf dem Programm, dasCastros politisches Überleben sichern soll. Aus 400 000 Touristen, die in diesem Jahr auf die Insel kommen, sollen in drei Jahren schon eine Million werden. In den Touristenzentren beherrschen daher zur Zeit Baukräne das Bild. Selbst sonntags wird gemauert, damit die Hotelkästen schneller fertig werden, die Castro neuerdings sogar von ausländischem Kapital mitfinanzieren läßt. "Der Tourismus bietet den Vorteil, daß die Investitionen schon in drei Jahren wieder hereinkommen", freut sich Carlos Garcia, der Vizepräsident der offiziellen Tourismusgesellschaft Cubanacan, über das neue devisenbringende Allheilmittel. Sogar gegen die Prostitution könne der Massentourismus wirken. "Dann geht es uns besser, und die jungen Mädchen haben das nicht mehr nötig."

Nüchterne Betrachtung der Dinge ist anderen vorbehalten, zum Beispiel Vladimiro Roca, dem oppositionellen Ökonomen, der vor einem halbem Jahr seinen Posten bei einer staatlichen Wirtschaftsbehörde verlor. "Das ist nichts als Propaganda", sagt der zurückhaltend wirkende Mann über den Tourismus-Wahn. Er rechnet vor, daß von jedem Fremden nur 120 Dollar Reingewinn im Lande bleiben. Selbst eine Million Ausländer brächten daher bloß 120 Millionen Dollar in die gähnend leere Staatskasse. Bei der in Milliarden bemessenen Devisenknappheit wäre das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. "Eine Lösung für unsere Probleme kann der Tourismus daher nicht werden."

Auf der Suche nach Devisen hat Castro daher auch die letzten sozialistischen Prinzipien über Bord geworfen. Nun will er ausländisches Kapital ins Land holen, damit Erdöl gefördert werden kann und die marode Industrie wieder in Schwung kommt. Der Kapitalist hat als Feindbild ausgedient und kann sogar die Regeln bestimmen, indem er eine Mehrheit an einer Gesellschaft erwirbt. "Wer mit uns ein Geschäft machen will, wird doch nicht als Feind betrachtet", meint werbend Octavio Castillo, der Vizepräsident des kubanischen Komitees für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Cece). Sechzig solcher gemischten Unternehmen gibt es schon, die meisten allerdings sind Hotels, die mit ausländischem Kapital finanziert werden.

Der Andrang ausländischer Investoren bei Industriebetrieben hält sich in Grenzen. Wie nötig aber ausländisches Kapital und Know-how ist, beweist ausgerechnet Ché Guevara. Nach dem im Volk noch immer hochverehrten toten Kampfgenossen Castros ist im Osten Kubas eine Nickelfabrik benannt, für die der Ausdruck "Dreckschleuder" ein Euphemismus wäre. Die von den Russen gebaute Anlage sieht aus, als hätte sie schon dreißig Jahre auf dem Buckel. Dabei läuft diese Fabrik erst seit 1986. Dicker schwarzer Rauch qillt aus dem Rohrlabyrinth, als sei tief in der mächtigen Anlage ein Brand ausgebrochen. Alle Dächer, Rohrleitungen und der Erdboden sind vom Rost und dem Staub des verarbeiteten Materials leuchtend gelblichrot gefärbt. Dampf und Flüssigkeiten entweichen aus undichten Leitungen, es faucht furchterregend, und in der Luft hängt beißender Gestand von Ammoniak.

Das Werk ist nur zur Hälfte ausgelastet, weil es an Rohöl fehlt. Aber das ist für kubanische Verhältnisse noch ein guter Wert. In anderen Industrien sieht es noch schlechter aus. Vladimiro Roca, der Ökonom der sozialdemokratischen Untergrundopposition, hält Zahlen für die Effizienz der kubanischen Wirtschaft bereit, die unglaublich klingen. Die Metallindustrie sei nur noch zu 35 Prozent ausgelastet. Die Textilindustrie kommt zwar auf etwa 60 Prozent, ist aber traditionell ein riesiges Verlustloch. In der mittlerweile stillgelegten Zuckerverarbeitung haben die Verluste sogar den Umsatz überstiegen, klagt Roca. Und das liegt seiner Meinung nach nicht an der Blockade durch die Amerikaner. Für ihn ist das langjährige Hauptübel der kubanischen Industrie, daß die Spitzen der Fabriken von Parteifunktionären besetzt sind, die von ihrem Gewerbe nichts verstehen und Widerspruch ihrer Fachleute nicht dulden. "Der Staat ist das größte Hindernis in der Wirtschaft", klagt der Ökonom, "und die Regierung hat keine Antwort auf das Desaster."