Von Klaus Peter Schmid

In Brüssel hat die Zeit der Abschiedsdinner begonnen. Vasso Papandreou, seit 1988 in der EG-Kommission für soziale Fragen zuständig, wird vom einladenden Botschafter in gesetzten Worten für ihre engagierte Arbeit beglückwünscht, dann heben die Gäste – allen voran Kommissionspräsident Jacques Delors – die Gläser und trinken auf ihre Zukunft. Denn die Griechin kehrt Ende des Jahres in ihre Heimat zurück. Sie ist Sozialistin, und heute sind in Athen die Konservativen an der Macht; die europäische Karriere der Frau mit der schwarzen Haarpracht geht damit zu Ende.

Wenn – wie zum Jahreswechsel – die in der Regel vierjährige Amtszeit der siebzehn Kommissare ausläuft, fängt in Brüssel das große Rätselraten an: Wer geht? Wer kommt neu? Wie werden die Kompetenzen aufgeteilt? Manche Regierungen machen es mit der Ernennung oder Bestätigung ihrer Vertreter spannend bis zum letzten Moment, andere legen sich schon früh fest. So weiß Papandreou seit Monaten, daß ihre Zeit abgelaufen ist, während etwa ihre französische Kollegin Christiane Scrivener immer noch nicht sagen kann, ob sie in Brüssel bleiben darf oder nicht. Eines scheint noch sicher – trotz der jüngsten Querelen in den Welthandelsgesprächen. Der alte Präsident wird auch der neue sein. Im Juni, beim Euro-Gipfel in Lissabon, stimmten die Staats- und Regierungschefs der zwölf EG-Länder einstimmig für eine Verlängerung des Mandats von Jacques Delors. Er ist bereits acht Jahre im Amt, und sogar die widerspenstigen Briten votierten für den 67 Jahre alten Franzosen. Zwei weitere Jahre soll er nun als Primus inter pares an der Spitze der Kommission stehen – und damit länger als irgendeiner seiner Vorgänger.

Im siebzehnköpfigen Kollegium kann Delors auch im nächsten Jahr mit einer Reihe vertrauter Gesichter rechnen. So bleiben ihm die beiden deutschen Kommissare Martin Bangemann und Peter Schmidhuber treu. Zwar machte im vergangenen Sommer das Gerücht die Runde, Bundeskanzler Helmut Kohl wolle Umweltminister Klaus Töpfer loswerden und schicke ihn deshalb nach Brüssel. Dort hätte er den CSU-Mann Schmidhuber beerbt, dem manche bei der anstehenden Regierungsumbildung in Bonn den Sessel eines Europaministers zugedacht hatten. Doch zu diesem Zeitpunkt wußten beide Kommissare bereits, daß sie ihren nicht gerade unangenehmen, mit gut 300 000 Mark im Jahr dotierten Brüsseler Job behalten können.

Bereits vor ein paar Monaten hat sich dagegen eines der farbigsten Mitglieder der Mittwochsrunde aus Brüssel verabschiedet. Carlo Ripa di Meana, gleichermaßen bekannt als engagierter Umwelt-Kommissar wie als Ehemann einer ebenso attraktiven wie exzentrischen Frau, hat eine für Brüsseler Verhältnisse ausgefallene Karriere hinter sich. Sein Weg zu den Eurokraten führte von der Redaktion der kommunistischen Zeitung L’Unità über den Verwaltungsrat der Mailänder Scala, den Präsidentenposten der Biennale von Venedig und das Europäische Parlament. Seit der letzten Regierungsbildung in Rom ist der Sozialist italienischer Umweltminister. Er schied im Frust von Brüssel; denn sein Lieblingskind, die Europäische Umweltagentur, ist nach wie vor zur Untätigkeit verdammt, weil sich die Zwölf nicht auf einen Sitz einigen können.

Wer Ripas Nachfolger wird, ist unbekannt. Die Entscheidung hängt nicht zuletzt davon ab, ob sich die Regierung Amato bis zum Jahreswechsel halten kann. Italien hat wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien Anspruch auf zwei Kommissare; auch das Schicksal des mit dem Ressort Forschung und Wissenschaft betrauten Filippo Maria Pandolfi scheint in Brüssel unsicher.

Christiane Scriveners ungewisse Zukunft hat dagegen nicht mit unstabilen Verhältnissen zu tun. Ihr Schicksal liegt in der Hand von Staatspräsident François Mitterrand. Und in dessen Umgebung heißt es, die Kommissarin habe Frankreichs Interessen nicht energisch genug vertreten. Eigentlich müßte ihr das als Ehre angerechnet werden; denn bei ihrem Amtsantritt geloben alle Kommissare, daß sie keinen nationalen Interessen und schon gar nicht dem Druck ihrer Regierung gehorchen werden. Wie Mitterrand das letztlich sieht, weiß Scrivener auch nach einer langen Unterredung im Elysée-Palast nicht.