Von Gerhard Roth

Nicht erst heute, anderthalb Jahre nachdem ich den Romanzyklus "Die Archive des Schweigens" beendet habe, muß ich feststellen, daß die Saat des Schweigens der Kriegs- und Wiederaufbaugeneration zur politischen Vergangenheit Österreichs und zur eigenen Mitschuld aufgegangen ist. Das mehr als vierzigjährige Schweigen hat Österreich geprägt in seiner neuen Rede. Das Bild vom rassistischen, ausländerfeindlichen Österreicher ist längst keine Karikatur mehr, sondern farbige Photographie.

In den letzten Jahren ist im Land etwas in Bewegung geraten. Es herrscht ein neuer, aufgeregter Ton in den Hausfluren und Straßenbahnen, den fernseh-abendlichen Wohnzimmern und an den halbdunklen Gasthaustischen. Das Land schweigt zur jüngsten Vergangenheit nicht mehr eisern, wo doch Schweigen angeblich Gold ist, sondern es redet in Zungen.

Der zum Ver-Schweigen erzogene Österreicher, dessen Denken von der christlichen, in Österreich katholischen Erziehung bestimmt ist und damit vom katholischen Antisemitismus, der katholischen Kinderdressur, der katholischen Wahrheits- und Körperfeindlichkeit, der katholischen Toleranz dem Nationalsozialismus gegenüber, der also mit seinem Innenleben allein gelassene und zwischen den eingetrichterten Meinungen und seinem wahren Empfinden hin und her gerissene, man kann ruhig hinzufügen: oft arme Österreicher, der immer nur zum Gehorsam angeleitet und dem das Fragen als Unverschämtheit zu empfinden beigebracht wurde, dieser als Erwachsener nicht zuletzt sentimental und in gleichem Ausmaß brutal gewordene Österreicher war schon immer – als Äquivalent zu seiner Unterdrückung – ein großer Liebhaber der scharfen Rede, des Stänkerns und Schmähführens.

Kein Wunder, daß besonders politische Bütten-, aber auch Brandreden auf sein offenes Ohr stoßen, und kein Wunder, daß es noch heute zum guten Ton des Landes gehört, die schaurig schmierenkomödiantischen und todesbedrohlichen Reden eines Hitler oder Goebbels als eindrucksvoll zu bezeichnen. Ich habe immer den größten Argwohn vor "guten" Rednern gehabt, denn in jeder guten Rede glimmt zumindest ein Funken Demagogie.

Mein Argwohn hat sich übrigens stets bestätigt, auch der Argwohn gegenüber den Überblicksmenschen, die alle Wahrheiten kennen und nur ihre eigene zulassen und die das Zusammenspiel der Worte verdrehen können, bis es im Sommer schneit und im Winter die Kastanienbäume blühen. Um so mehr gilt das für ein Land, das die Schauspieler und das Theater liebt, wie es die Österreicher – zu Recht – tun.

Österreich hat sich langsam, aber unaufhörlich und unüberhörbar vom Schweigensreich zum Reich der neuen Rede gewandelt, allerorten kann man merkwürdig aufgebrachte Stimmen hören, Stimmen, die nichts Gutes verheißen. Die neue Rede, die zu hören ist, was ist das für eine? Es ist die gestrige und vorgestrige, es ist die ewiggestrige im neuen Gewand.