Von Ludwig Siegele

Selbstkritische Franzosen meinen, der Hahn sei nur deshalb Wappentier ihres Landes, weil er das einzige Wesen auf der Welt ist, das auch dann noch angeberisch kräht, wenn es mit den Füßen auf einem Haufen Mist steht.

Gewollt oder ungewollt – am Freitag der vergangenen Woche bestätigte der französische Landwirtschaftsminister Jean-Pierre Soisson diese Volksweisheit: "Ich habe meinen Mann gestanden und werde auch weiter meinen Mann stehen", rief er den Abgeordneten der Pariser Nationalversammlung während der Haushaltsdebatte entgegen. "Wenn wir jedesmal kuschen, wenn die Amerikaner den Finger erheben, dann wird es Europa niemals geben."

Soisson stand aber mit beiden Beinen zumindest in einem Scherbenhaufen: Die jüngsten Handelsgespräche in Chicago zwischen der EG und den Vereinigten Staaten scheiterten an einigen Tonnen Raps, Strafzölle von 200 Prozent auf französischen Weißwein drohen, mögliche Gegenmaßnahmen wurden bereits diskutiert – wenn die Welt nach der über sechsjährigen Uruguay-Runde im Rahmen des Allgemeinen Zoll und Handelsabkommens (Gatt) mit seinen 108 Mitgliedsstaaten vor einem Handelskrieg steht, dann ist das nicht zuletzt die Schuld Frankreichs.

Und die Kraftprobe kommt zum denkbar Ungünstigen Zeitpunkt. Schließlich zieht sich die Ratifikation der Verträge von Maastricht, vor knapp einem Jahr gefeierte Grundlage für die Europäische Union, immer mehr hin. Eine Handelskonfrontation mit den Vereinigten Staaten könnte das umfangreiche Vertragswerk endgültig zu Altpapier werden lassen (siehe Seiten 1 und 26).

Soissons Durchhalteparolen passen allerdings zur vertrackten innenpolitischen Lage, in der sich die Pariser Regierung befindet: Sicher würde auch Frankreich von einem erfolgreichen Ende der Gatt-Runde profitieren. Aber blanke Überlebensangst trieb die Regierung in eine Blockadehaltung. Dabei müßte das ökonomische Kalkül für Pierre Bérégovoy, Premierminister und theoriefester Vater des harten Franc, kinderleicht sein. Zwar ist die Landwirtschaft eine wichtige Größe für den weltweit zweitgrößten Nahrungsmittelexporteur nach den Vereinigten Staaten. Im vergangenen Jahr verdiente Frankreich mit dem Export von Wein, Weizen, Käse und anderen Schlemmerprodukten rund 193 Milliarden Franc (knapp 57 Milliarden Mark).

Doch trotz dieser Exporterfolge ist Frankreich schon lange kein Agrarstaat mehr, im Gegenteil: "Ein wettbewerbsfähigeres Frankreich" – mit diesem Slogan feierte das Finanzministerium erst kürzlich den ersten dauerhaften Handelsbilanzüberschuß seit langem: Auch bei den Dienstleistungen ist Frankreich Weltexporteur Nummer zwei. Und es führt mittlerweile fast so viele Industriegüter aus, wie es importiert.