Von Ralf Neubauer

Walter Hirche läßt sich gewöhnlich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Schließlich ist er als Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg qua Amt zu einem gewissen Optimismus verpflichtet. Bisweilen gerät er geradezu ins Schwärmen, und das vor allem dann, wenn er über die Chancen der Wirtschaft im Berliner Umland spricht. Dort sei der Aufschwung "schon weitgehend zu einem Selbstläufer geworden", erklärte Hirche noch Ende September.

Inzwischen ist sich der liberale Politiker da nicht mehr ganz so sicher. Mit Mercedes-Benz ist nämlich gerade der größte jener Investoren abgesprungen, die Hirche stets als Kronzeugen für seine Aufschwungsvisionen beschwor. Ein "industrieller Leuchtturm" sei gefallen, bekannte der Minister nach der Entscheidung des schwäbischen Automobilunternehmens, "vorerst" kein neues Lkw-Werk in Ahrensdorf südlich von Berlin zu bauen.

Schon diese pathetischen Worte zeigen, wie tief der Schock bei Hirche saß. Vor Journalisten ließ er sich denn auch zu ungewohntem Pessimismus hinreißen. Die wirtschaftliche Talsohle in Brandenburg sei längst nicht durchschritten: "Wenn es schlecht läuft, sind wir erst in der zweiten Hälfte 1994 aus dem Keller." In jedem Fall werde die Konjunkturschwäche in absehbarer Zeit nicht zu einem selbsttragenden Aufschwung führen.

Tatsächlich verdunkeln sich die Wolken über der östlichen Krisenökonomie zusehends. Mercedes-Benz ist kein Einzelfall. Binnen kürzester Frist kappten weitere namhafte Westfirmen ihre ambitionierten Investitionsprojekte in den neuen Ländern (ZEIT Nr. 46). Die Weisenbacher Holtzmann AG stornierte den Bau einer Papierfabrik in Bitterfeld, Krupp verabschiedete sich von seinem geplanten Engagement bei Eko-Stahl in Eisenhüttenstadt, Kugelfischer will sein Werk in Berlin-Lichtenberg schließen und die Heidelberger Druckmaschinen AG, die in der Stadt Brandenburg eine neue Fabrik hochzieht, speckt ihre Investitionspläne deutlich ab.

Kein Wunder, daß in den Wirtschaftsministerien jenseits der Elbe derzeit Alarmbereitschaft herrscht. Von einer Abwanderungswelle westlicher Investoren will aber keiner etwas wissen. Eiligst in Auftrag gegebene Umfragen in den Konzernzentralen ergaben, daß die meisten Großinvestoren dem Osten die Treue halten.

Walter Hirche erholte sich denn auch schnell von seinem Schock. Die Bereitschaft der Wirtschaft, sich in Brandenburg zu engagieren, sei weiter groß, verkündete der Minister Ende der vergangenen Woche in alter Frische. Es mangele nicht in erster Linie an Investoren, sondern an Fördermitteln. In seinem Haus, so Hirche, stapelten sich weit über 2000 Anträge auf einen Investitionszuschuß. Sie könnten aber "nur zögerlich" bearbeitet werden, weil Fördergelder in Höhe von 2,6 Milliarden Mark fehlten. Damit könnten, so der Minister, 30 000 Arbeitsplätze neu geschaffen und 60 000 Stellen gesichert werden.