Von Gunter Hofmann

Berlin! Bonn

In Köln war alles schon wieder ganz anders. Aus Berlin, von der Kundgebung der Dreihunderttausend im Lustgarten gegen Ausländerfeindlichkeit und für Gewaltfreiheit, kam man mit einem überaus ambivalenten Gefühl zurück. Eine Spur von Gezwungenem, gelegentlich auch Unehrlichem lag über dieser Demonstration von oben, so notwendig sie auch war. Traurig genug, daß der Berliner Zug am Ende selbst noch in spektakuläre Gewalttätigkeit gemündet ist.

Eine Nacht später, in Köln, ging im "Veedel" am Chlodwigsplatz die Kundgebung zur Erinnerung an die Pogrome in Deutschland vor 54 Jahren, 1938, und gegen die Ausländerfeindlichkeit von heute über in ein hinreißend fröhliches, vielkulturelles Rockkonzert von unten mit hunderttausend spontan erschienenen Gästen. Das rheinische Motto: "Arsch huh – Zäng usenander" (Arsch hoch – Zähne auseinander). Die Kölner, so der Präsident der "Stunk-Sitzung", Jürgen Becker, kämen doch mehrheitlich aus Bielefeld, Waldbröl, Kurdistan, Bergheim, Bergkarabach, Bergisch-Gladbach ...

Die Republik ist nicht nur wie Berlin, sie ist nicht überall wie Köln, und sie läßt sich auch nicht mit Bonn über einen Leisten schlagen, wo am Sonnabend eine Großdemonstration gegen den Rassismus und vor allem gegen eine Abkehr vom Grundrecht auf Asyl (Artikel 16) stattfinden wird, ganz bewußt zwei Tage vor dem SPD-Parteitag. Nichts erscheint eindimensional, klar, widerspruchsfrei. Die Republik kann nach rechts abdriften, aber es muß keineswegs so sein.

Vor dieser Folie muß man betrachten, wie es um die Opposition bestellt ist. Manche Sozialdemokraten erinnern sich, wenn sie über die Lage ihrer Partei von heute sprechen, an die Zäsur von 1968 und den Parteitag der SPD damals in Nürnberg. Die SPD regierte in der Großen Koalition mit. Ihre führenden Köpfe, voran Willy Brandt, zeigten sich zur Öffnung der Partei bereit.

Heute sitzen die Sozialdemokraten in der Opposition. Der Erwartungsdruck aber, der sich an die SPD richtet, dürfte dem von damals durchaus vergleichbar sein. Er schwingt sogar noch mit in der Kritik, und er wird auch anklingen bei denen, die sich zur Demonstration im Bonner Hofgarten versammeln.