Schon die Tatsache, daß sich das ungleiche Duo an einem Tisch zusammenfand, war bemerkenswert. Aber auch die Botschaft, die der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder und Hermann Krämer, Vorstandsvorsitzender des Stromriesen PreussenElektra AG (PREAG), vergangene Woche in einer gemeinsamen Erklärung verkündeten, hatte es in sich. Schienen sich da doch der Chef einer rot-grünen Landesregierung, die sich zum Ausstieg aus der Kernenergie bekennt, und ein profilierter Energiemanager, der immer als entschiedener Befürworter des Atomstroms galt, zu einem kaum für möglich gehaltenen energiepolitischen Konsens zusammengerauft zu haben.

Denn nun macht Krämer etwas, was gerade von ihm kaum zu erwarten war: Er baut ein modernes Gaskraftwerk und zwar just am Standort eines der ältesten deutschen Kernkraftwerke, dem zwanzigjährigen Atommeiler in Stade. Ist das bereits ein Signal für den Ausstieg? Daß der Energiemanager im Bau eines nichtnuklearen Kraftwerks den Ersatz für die Stillegung des Stader Atommeilers sieht, wird jedenfalls entschieden dementiert. Krämers Pressechef Peter-Carl Rühland interpretiert die Bauabsichten ganz anders: "Wir wollen Stade aus Gründen des Bedarfs. Die Frage des Ausstiegs aus der Kernenergie stand nicht zur Debatte, obwohl man als Grundvoraussetzung dafür natürlich auch neue Kapazitäten braucht." Darüber hinaus, so der PREAG-Sprecher, würden Verhandlungen nicht gerade leichter, "wenn man heute schon Positionen einnimmt, die erst in sieben Jahren relevant sind". Das schließt wenigstens nicht aus, daß man auch bei der PREAG intern damit rechnet, den Atommeiler Stade abzuschalten, sobald das Gaskraftwerk Stade mit etwa der gleichen Leistung (500 Megawatt) fertiggestellt ist – in sieben Jahren.

Doch genau in diese Richtung denkt Ministerpräsident Schröder: "Wir betrachten das Gaskraftwerk als Ersatz für das Kernkraftwerk Stade, auch wenn wir die Erklärung nicht konkret darauf abgestellt haben." Daß sich die Verfechter so unversöhnlich erscheinender Positionen heute um ein besseres Verständnis bemühen, zeigt auch der letzte Teil der gemeinsamen Erklärung. Darin respektiert Krämer den politischen Willen der Landesregierung, "das Ziel einer möglichst zügigen Stillegung der Kernkraftwerke zu verwirklichen". Indirekt wird dieses Ziel durch die Investitionspolitik des Unternehmens sogar noch unterstützt. Die zum Veba-Konzern gehörende PREAG will nämlich nicht nur ein Gaskraftwerk bauen. In der wirtschaftlich darbenden Region Wilhelmshafen soll ein ganz neues Energiezentrum mit vier großen Kohlekraftwerken (Gesamtkapazität: 3000 Megawatt) entstehen.

Für den Hannoveraner Regierungschef ist auch das Teil einer Investitionspolitik, die den Ausstieg aus der Kernenergie möglich macht. Niedersachsen muß dafür in besonderem Maß Vorsorge treffen; rund sechzig Prozent des niedersächsischen Stroms stammt derzeit noch aus Kernenergie. Die PREAG profitiert auch von dem Handel; sie erhält die entsprechenden Baugenehmigungen und damit zugleich eine sichere Basis für ihre Investitionspolitik.

Was Schröder praktiziert, ist mit nötiger Vorsicht durchaus als ein Versuch von Geben und Nehmen zu interpretieren, wobei die prinzipiellen Unterschiede in Sachen Kernenergie allerdings nicht überwunden, sondern nur ausgeblendet sind. Das gilt auch für einen weiteren Teil der Erklärung. Da auch der Neubau moderner Großkraftwerke auf der Basis fossiler Brennstoffe (Kohle/Gas) trotz höheren Wirkungsgraden und besserer Umweltschutztechnik CO2-Emissionen verursacht, haben Schröder und Krämer zusätzlich CO2-kompensierende Maßnahmen vereinbart. Dazu gehört die Nutzung regenerativer Energien und der Export deutscher Kraftwerkstechnik nach Osten. Wenn sich die PREAG etwa an der Modernisierung maroder russischer Kohle- und Gaskraftwerke beteiligt und damit die dortigen CO2-Anteile reduzieren hilft, dann können "die in Osteuropa bewirkten CO2-Mindermengen bei den in Niedersachsen zu kalkulierenden CO2-Mehrmengen gegengerechnet" werden.

Pragmatiker Schröder verknüpft mit den getroffenen Vereinbarungen nun die Hoffnung, "daß dieses Vorgehen erfolgreich wird und dann auch etwas Schule macht". Er könnte sich täuschen. Schon die eigene Partei wird sich mit dem Handel schwertun. Die nordrhein-westfälischen Genossen werden dem Niedersachsen besonders verübeln, daß die Wilhelmshafener Kraftwerke mit billiger Importkohle gespeist werden sollen. Das ist eine Kampfansage an den Jahrhundertvertrag zur Kohleverstromung. Ferner ist die vereinbarte Absicht, erneuerbare Energien zu nutzen, viel zu unverbindlich formuliert, als daß sie von der Gesamtpartei akzeptiert werden kann. Um der SPD die Rückkehr zum Energiekonsens zu erleichtern, müßte PreussenElektra noch einige konkrete Investitionsprojekte für den Bereich der erneuerbaren Energien nachlegen und vor allem mit einem Konzept offensiv werden, das den weiteren Stromzuwachs begrenzt.

Zu allererst muß Energiemanager Krämer allerdings dafür sorgen, daß man ihm wenigstens abnimmt, daß er seinen Teil der mit Landesvater Schröder getroffenen Vereinbarung auch wirklich einhält. Mit der unter dem ehemaligen Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder praktizierten energiepolitischen Glaubwürdigkeit ist es seit dessen frühen Tod im Veba-Konzern nämlich nicht mehr weit her, und zwar nicht zuletzt wegen Hermann Krämer. Seine Versprechen sind nämlich im Zweifel später nichts mehr wert. Das mußte ein anderer SPD-Ministerpräsident – Björn Engholm in Kiel – erst vor wenigen Tagen erfahren. Ende Oktober hat sich die PREAG von ihrer Zusicherung verabschiedet, in Engholms Lübecker Wahlkreis ein Gas-und Dampfkraftwerk auf Basis der Kohlevergasung hinzustellen. Das Projekt sollte eine Demonstrationsanlage werden und wurde sogar schon als ein "europaweit innovativ wirkendes Projekt" zur "modernen Stromerzeugung mit höchstem Wirkungsgrad und größter Umweltverträglichkeit" gefeiert. Als Gegenleistung gewährte Kiel dem Unternehmen den Bau neuer Hochspannungsleitungen nach Mecklenburg-Vorpommern sowie eines Seekabels von Lübeck nach Schweden. Das war im Juni vergangenen Jahres. Damals hatte Krämer vor der Kieler Presse erklärt: "Es steht der schleswig-holsteinischen Energiepolitik gut zu Gesicht, daß hier ein Kraftwerkstyp erprobt wird, von dem Experten sagen, daß ihm die Zukunft gehört."