Von Gilles Kepel

Die Revolution im Iran wie die Erfolge der Islamischen Heilsfront in Algerien, die Affäre Rushdie wie der Golfkrieg – für den Außenstehenden ist das Bild des Islam heute geprägt von Gewalt und Haß, die sich zum Krankheitsbild einer Gesellschaft fügen. Ihre Ursache wird gern in der Eigenart einer Kultur und Religion gesucht, die in unwandelbarem Gegensatz zur westlichen Moderne zu stehen scheinen. Dieser Islam wird immer häufiger als ein neues, schillerndes "Reich des Bösen" gebrandmarkt. Seit das Verschwinden des Kommunismus die Demokratie – liberal, kapitalistisch und westlich – zur universellen Norm und zum "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) werden ließ, wirkt das jähe Auftauchen des Islam auf der Weltbühne wie das absolut andere. So ähnlich müssen auf die Hellenen die Barbaren gewirkt haben.

Wo aus dem Ost-West-Gegensatz ein Nord-Süd-Konflikt wird, liefert dieser Islam dem Süden eine neue Identität, ein ideologisches Vokabular der Mobilisierung und des Kampfes. Diese Blickweise paßt zu unseren Gewißheiten. Nur wird dabei übersehen, wie sehr die Reislamisierung zu den Umbrüchen unseres Fin de siècle gehört und sie an Weltwirtschaft und Weltkultur ebenso teilhat wie am Erbe ihrer eigenen Zivilisation. Das macht ihre Analyse so schwierig. Denn bei der Deutung müssen beide Dimensionen berücksichtigt werden. Weder darf sie nur wie eine Fortsetzung der bisherigen Drittweltbewegungen erscheinen; das würde sie ihrer muslimischen Eigenart berauben. Noch darf sie allein auf ihr muslimisches Wesen und Erbe reduziert werden.

Seit Mitte der siebziger Jahre scheint die muslimische Welt andere Wege zu gehen als der Rest der Welt. Damals erfaßten die modernen Bewegungen der Reislamisierung die muslimische Welt. Aber diese Jahre brachten auch für die übrige Welt eine Wende. Die Wirtschaft wandelte sich gründlich wegen der Ölpreiserhöhungen nach dem israelisch-arabischen Oktoberkrieg von 1973. In vielen Ländern herrschte Arbeitslosigkeit. Aus der "modernen" und "industriellen" Gesellschaft wurde eine "postmoderne" oder "postindustrielle". Just zu dieser Zeit machten sich erstmals unter Christen und Juden Tendenzen der Rechristianisierung oder Rejudaisierung bemerkbar – etwa der politische Fundamentalismus der "moralischen Mehrheit" eines Jerry Falwell in den Vereinigten Staaten oder Gush Emunim in Israel, der die besetzten Gebiete kolonisierte, um daraus das biblische Judäa und Samaria zu machen.

Allerdings erreichte die Reislamisierung ganz andere Ausmaße. Sie erfaßte Massen, deren Orientierungslosigkeit von einer pervertierten Anpassung an die politische Moderne noch verstärkt wurde. Zur Armut und zum Ausgestoßensein kam die fehlende Erfahrung mit den demokratischen Freiheiten. In diesem Umfeld fand der Ruf nach einer islamischen Gesellschaft Gehör: Sie sollte die Unordnung und Ungerechtigkeit der Welt beenden und Allahs Herrschaft errichten, die als Ordnung und Gerechtigkeit verstanden wird, aber von Freiheit und Demokratie nichts weiß.

Mitte der siebziger Jahre wurden die muslimischen Gesellschaften einem tiefgreifenden Wandel unterworfen, demographisch, kulturell und politisch durch eine Legitimationskrise ihrer Regierungssysteme. Damals wurden die Kinder der Landflucht und der Bevölkerungsexplosion erwachsen, die erste Generation, die keinen Kolonialismus mehr kannte und, jedenfalls die männliche Jugend, des Lesens und Schreibens kundig war. Doch auf dem Arbeitsmarkt machte sie die bittere Erfahrung der Unterbeschäftigung, erlebte sie offene oder versteckte Arbeitslosigkeit. Schmerzhaft spürte sie den Kontrast zu den Verheißungen des Aufstiegs, die nach der Unabhängigkeit die Regime an die Verschulung geknüpft hatten. Sie versprachen das Glück der Welt und lasteten dem Kolonialismus alle Übel an.

Unter dieser alphabetisierten Jugend, die in hastig zusammengezimmerten Vorstädten lebt, ist die Enttäuschung riesig über diesen Staat, der ihnen für die Zukunft nur Emigration oder Arbeitslosigkeit bieten kann. Den Staat machten sie jetzt haftbar für die zwei oder drei Jahrzehnte seit der Unabhängigkeit, ohne länger an die ewig wiederkehrende Verdammung des Kolonialismus oder Imperialismus zu glauben, die als Ausflucht der Machteliten durchschaut wird. Damit aber werden zugleich alle Ideologien, die aus dem Norden importiert wurden und diese Staaten legitimierten, sei es nun der Liberalismus oder der Sozialismus, als Lüge verworfen. Die Mächtigen verbrämten damit nur ihre Unfähigkeit oder ihren Despotismus. Die Verzweiflung dieser Jugend wird so zur lokalen Variante der allgemeinen "Krise weltlicher Ideologien", allen voran des Sozialismus in seinen Spielarten, die ihr Weltbild auf die menschliche Vernunft und nicht auf den Vorrang des Glaubens gründeten.